Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.10.2020

703_LeserInnenpost der Woche

Von Zeit zu Zeit widme ich mich den Briefen, die ich von Leserinnen und Lesern erhalte. Wenn ich gerade im Fernsehen aufgetreten bin, was nicht sehr oft vorkommt, habe ich damit Einiges zu tun. Ich sortiere einen ganzen Tag lang sämtliche Kommentare und Mails in drei Kategorien, nämlich erstens in „beantworten“, zweitens in „ignorieren“ und drittens in „dem Anwalt geben“. Der letzte Stapel ist recht klein, aber Briefe von wildfremden Menschen, die sich nur melden, um einen grob zu beleidigen, mehren sich. Keine Ahnung, was in solchen Leuten vorgeht. Ob sie das auch mit Kellnern, Busfahrern und Lebenspartnern machen, wenn Ihnen etwas nicht gefällt?
Ich habe inzwischen ein feines Sensorium dafür entwickelt, ob Pöbeleien von rechts oder links kommen. Als Faustregel gilt: Linke Beleidiger schreiben „Drecksau“ mit „ck“, rechte schreiben „Drecksau“ mit „g“. Und zwar mit einem „g“. Es ist anhand meiner Post empirisch bewiesen, dass die ultralinke Feministin grammatikalisch mehr draufhat als der rechte Hetzer. Die Feministin reißt jedoch diesen beeindruckenden intellektuellen Vorsprung spielend leicht durch zwanghaftes gendern wieder ein, sodass ihre Hasstirade am Ende auch nicht viel besser lesbar ist als das mit Rechtschreibfehlern durchsetzte Geschmiere eines Pegida-Anhängers.
Bei der Sortierung meiner Leserbriefe nach meinem letzten Auftritt am vergangenen Montag bei „Hart aber Fair“ bin ich ein wenig unentschlossen. Soll der wütende Herr Halfpap in die Rubrik „ignorieren“ oder muss ich ihm nicht doch antworten? Er schreibt mir zwar ohne Anrede oder Grußformel, aber er stellt immerhin eine Frage, nämlich: „Sind Sie nur strunzblöd oder so schlecht in ihrem eigentlichen Metier, dass dummes Gelaber helfen soll?“ Herr Halfpap hat sich ja wirklich viel Mühe mit seinem Brief gegeben, sodass ich ihm auf diesem Weg antworten möchte: „Hallo Herr Halfpap, ja, dummes Gelaber ist mein Geschäft. Und ich suche noch talentierte Autoren, die für mich arbeiten wollen. Hätten Sie Lust?“ Mal sehen, ob er sich meldet, er scheint ja echt nett zu sein.
Zahlreiche Briefe meist weiblichen studentischen Ursprungs heben darauf ab, dass ich ein alter weißer Mann sei, vor allem weil ich das so genannte Binnen-I ablehne. Ich halte es für eine grammatikalische Kuchenwespe: Es nervt gewaltig und wenn man draufhaut wird’s sofort gefährlich. Dann wird man sehr hart rangenommen, selbst wenn man grundsätzlich Verständnis für das feministische Anliegen dahinter bezeugt. Das reicht aber nicht, im Gegenteil. „Verständnis“ wird nämlich im aktuellen Zeitgeist meistens mit „Einverständnis“ gleichgesetzt. Es ist aber keineswegs dasselbe.
Die Zuschauerin Frau Böhler findet mich wegen meiner Haltung empathielos. Ich antworte ihr mit einem Beispiel und erkläre ihr, dass ich auch viel Verständnis dafür habe, wenn sich manche Angehörige des so genannten dritten Geschlechts diskriminiert fühlen. Ich bin aber nicht damit einverstanden, dass extra für sie Toiletten in öffentlichen Gebäuden eingerichtet werden. Ich schreibe dann noch: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie peinigend es für Rheuma-Patienten ist, wenn sie lange im Supermarkt an der Kasse stehen müssen? Und wäre es nicht angebracht, daher für Rheuma-Kranke eine Schnellkasse in jedem Supermarkt zu errichten? Vielleicht kommen Sie ja zu dem Schluss, dass Sie zwar für das Ansinnen viel Verständnis aufbringen, jedoch mit der Installation von Rheuma-Kassen nicht einverstanden wären. Nach Ihrem eigenen Verständnis wären dann Sie, liebe Frau Böhler, empathielos, ohne jedes Gespür für die Not von Rheuma-Kranken.“ Sie schreibt zurück, dass Geschlechteridentität und Rheuma sehr unterschiedliche Themen seien.
Da lobe ich mir doch den Brief der Woche. Er kommt per Mail von einem Herrn, der nur eine kurze Frage hat. Ich glaube, ich drucke das Schreiben aus und kaufe mir einen schönen Rahmen dafür. In der Mail steht: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich wollte mal fragen ob es möglich ist, dass sie mir vier unterschriebene Autogrammkarten von Herrn Josef Schnusenberg schicken. Sollte dies möglich sein werde ich Ihnen selbstverständlich meine Adresse mitteilen.“ Wundervoll. Ich übe jetzt die Unterschrift von Josef Schnusenberg.