Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.10.2020

704_Zur Klage der Nation

Bisher bin ich ganz gut durch diese Corona-Sache geglitten. Ich befinde mich ohnehin immer im Home-Office, sodass ich mich nicht umstellen musste. Die meiste Zeit war ich eher teilnehmender Beobachter der ganzen Misere. Das ändert sich nun, denn eigentlich wollte ich in diesen Tagen auf eine lange Lesereise gehen. Aber dann schrumpfte diese hoffnungsvoll geplante Tournee, weil ihr eine Station nach der anderen abhandenkam. Und schließlich schnurrte sie auf ein paar Lesungen hier und dort zusammen. Die zu absolvieren stellt eine logistische Meisterleistung dar. Ich bin nicht sicher, ob es mir gelingt.
Es ist nämlich so, dass die Bundesländer, zum Teil sogar Nachbargemeinden sehr unterschiedlich mit Besuchern umgehen. Es könnte zum Beispiel demnächst sein, dass ich in Berlin nicht mehr übernachten kann, weil ich aus Bayern komme. Es würde sich in diesem Falle anbieten, entweder über Brandenburg einzureisen oder nach einem Auftritt in Berlin in Krefeld zu übernachten, wo es keine Beherberungsverbote für Bayern gibt oder in Berlin überhaupt nicht zu schlafen, sondern gleich durchzumachen. Das ist aber schwierig, denn in Berlin ist gerade nachts nicht viel los.
Oder man fährt in der Nacht noch nach Bremen. Wenn man von dort nach Münster will, muss man wahrscheinlich bald in Osnabrück eine Blutprobe abgeben und in Ibbenbüren auf das Ergebnis warten. Bei einem positiven Befund wird man auf einen Pferdehof gebracht und zu Katenschinken verarbeitet. Ebenfalls schwierig sind dann womöglich Reisen von und nach Magdeburg, besonders über Wiesbaden sowie alle Strecken nach Holstein und manche in die Eifel, wobei Trier geht, jedenfalls wenn man zuvor nicht in Braunschweig war, welches wiederum ein striktes Einreiseverbot für Besucher aus Kiel verhängt.
Weitgehend ruhig ist es übrigens im Saarland. Mir ist von Beherbergungsverboten dort nichts bekannt, was vielleicht auch daran liegt, dass niemand dorthin fährt. Vielleicht reise ich von Saarbrücken aus nach Bayern zurück, auf keinen Fall jedoch von Köln, weil ich dann einen Test machen muss.
Diese Tests werden in einigen Orten verlangt und sie dürfen bei Vorlage nicht älter als 48 Stunden sein, was schwierig ist, wenn man sich auf einer Tournee befindet. Das Ergebnis des Tests, den man am Montag vor der Abreise macht, erfährt man nämlich erst am Dienstagabend, was einem in Hamburg nur am Mittwoch hilft, wo man bereits einen weiteren Test machen muss, um am Freitag in Sachsen auftreten zu können. Und wenn man von Nürnberg nach Hannover fährt und zwischendurch in Fulda auf dem Bahnsteig frische Luft schnappt, weil der Zug für ein halbes Stündchen dort rumsteht, reist man dann ein? Und wenn man in Hannover landet, kommt man dann aus Bayern oder Hessen?
Im Grunde sollten übrigens alle Zug– und Flugreisenden immer gemeinsam für zwei Wochen in Quarantäne, wenn sie irgendwo ankommen. Wenn dies als Gesetz durchgesetzt werden könnte, wären Züge und Flugzeuge ganz schnell nicht mehr so voll wie zuletzt auf meinen Reisen. Insbesondere die knallvollen Lufthansa-Inlandsflüge kommen mir vor wie fliegende Petrischalen. Im Kino und im Theater hingegen müssen die Leute so weit auseinandersitzen, dass sich der Betrieb von Kulturstätten nicht mehr lohnt. Das ist ziemlich ungerecht und ein Beispiel für die widersprüchliche Handhabung der Pandemie durch Experten und Politiker. Diese begründen die unterschiedlichen Regeln damit, dass nicht jede Gegend gleichermaßen durchseucht sei. Und wo es keinen Hotspot gebe, müsse auch nichts verboten werden.
Darin liegt nun eine gewisse Chance. Man könnte ja das vielkritisierte Nachtleben Berlins einfach nach Kulmbach verlegen. Auf diese Weise könnten die Berliner ausgehen (wenn auch nicht in Berlin) und in Kulmbach wäre endlich mal was los. Wenn diesem Beispiel folgend weitere Hotspots in virusarme Orte verbracht würden, hätte man bald eine Vereinheitlichung des Infektionsgeschehens und niemand müsste sich dann noch fragen, was er wo dürfte, weil einfach niemand mehr überhaupt irgendwo etwas dürfte. Dann wäre endlich Schluss mit der Unsicherheit.