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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.10.2020

705_Kch, kch, tirilli, gack gack

Während die Kommunikationsfähigkeit von Bäumen ein recht frisches Forschungsfeld ist, steht schon länger fest, dass viele Tiere sehr intensiv und durchaus kontrovers kommunizieren. Und zwar sowohl untereinander als auch artenübergreifend. Dies habe ich schon einmal selber erlebt. Auch wenn es nicht zu einem komplexen Meinungsaustausch kam, war ich doch recht verblüfft über die Deutlichkeit dessen, was mir vor ein paar Monaten von einem Eichhörnchen mitgeteilt wurde.
Ich lag also in Italien unter einem Mandelbaum und las, was ich für eine wenig konfrontative Tätigkeit halte. Dies wurde aber von dem im Geäst tafelnden Eichhörnchen anders aufgefasst. Es konnte nicht vom Baum herunter, weil es dabei an mir vorbeigemusst hätte. Also setzte es sich auf einen Ast und fauchte mich an. „Kch“. Und noch einmal: „Kch“. Dabei stemmte es eine Vorderpfote in die Hüfte und drohte mit der Rechten. Ich übersetzte dies mit: „Hau ab da, Du blöder Sack, Du bist mir im Weg.“ Ich sagte freundlich, dass es gefahrlos passieren könne. Darauf rief der gar nicht so possierliche Nager abermals „kch“ und noch mal „kch“, bis ich endlich aufstand und zur Seite trat. Das empörte Hörnchen entwich mit aufgestelltem Schweif. Ich fühlte mich an eine Hausfrau aus Geretsried erinnert, mit der ich mich einmal auf einem Parkplatz vor einem Drogeriemarkt stritt, weil ich sie angeblich blockierte. Sie zeigte ein ganz ähnliches Verhalten wie das eurasische Eichhörnchen, verfügte aber nicht über dessen differenzierte Ausdrucksweise.
Es scheint jedenfalls so zu sein, dass Tiere in ganz ähnliche Erregungszustände und rhetorische Dauerschleifen geraten wie Menschen. Sehr gut zu beobachten ist dies bei Vögeln. Jede Art hat ihren eigenen Sound und die Interessen von Vögeln sind durchaus sehr unterschiedlich. Zum Beispiel hat ein Sperber grundsätzlich andere Ansichten zum Fleischkonsum als ein vegetarisch lebender Grünfink. Wenn sich also Sperber und Grünfink miteinander unterhalten, kann es schnell zu Konflikten kommen, welche vermutlich dadurch beendet werden, dass der Sperber den Grünfinken am Schluss der Diskussion aufisst.
Es steht außer Frage, dass sich die meisten Vögel angenehmer anhören als die meisten Menschen, wenn es um kontroverse Themen geht. Nachdem sich das gesellschaftliche Klima hierzulande in den letzten Monaten derart verschlechtert hat, dass eine moderate Diskussion kaum noch möglich erscheint, sollte man in den öffentlich-rechtlichen Sendern allmählich mal darüber nachdenken, die ständig aufs Neue im Fernsehen aufeinandertreffenden Kombattanten endlich durch heimische Vögel zu ersetzen.
Die Ansichten von Christian Lindner, Peter Altmeier, Karl Lauterbach, diversen Virologen, Wissenschaftlern, Journalisten und veganen Köchen sowie den vielen weiteren Teilnehmern der aktuellen Erregungskultur sind ja ohnehin bekannt. Man kann und will das nicht mehr hören. Wie schön wäre es, wenn man stattdessen Volieren installieren würde, wo sonst die Sesselchen bei Anne Will, Maybrit Illner oder Markus Lanz stehen. In den Käfigen säßen stellvertretend für die Gäste diverse Vögel. Und sobald diese sängen oder zwitscherten, würde eben der Name des Menschen eingeblendet, den sie dabei verträten.
Ich würde mich sehr freuen, wenn man zum Beispiel anstelle von Wolfgang Kubicki einfach mal eine Bartmeise einladen würde. Peter Altmeier könnte fabelhaft von einem Dompfaff vertreten werden, Karl Lauterbachs dringliche Appelle würden zukünftig von einem Wintergoldhähnchen vorgetragen, und Sahra Wagenknecht ließe sich ohne Erkenntnisverluste durch einen Waldkauz ersetzen.
Natürlich bräuchte man weiterhin Moderatorinnen und Moderatoren. Für Anne Will käme eine konzentriert tirillierende Felsenschwalbe infrage, Maybrit Illners Job könnte auch piepend von einer Bachstelze absolviert werden. Für Frank Plasberg käme der immer leicht autoritär klingende Graureiher infrage. Und bei Markus Lanz böte sich als Stellvertreter der ZilpZalp an. Dem Zilpzalp wird von Fachleuten ein zwar schwatzhaftes, aber wohlklingendes und sehr ausdauerndes Organ bescheinigt.