Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.11.2020

707_Keine Nummer unter diesem Anschluss

Vor ein paar Tagen fragte mich jemand nach meiner Telefonnummer. Es ging um eine Bestellung und ich nannte dem Herrn meine Handynummer. Festnetz sei ihm lieber, sagte der Mann. Also begann ich mit der Vorwahl von München und stockte dann. Exakt so muss sich der Moment anfühlen, wenn eine schrullige, aber liebenswerte Unkonzentriertheit die Schwelle zur Demenz überschreitet. Ich wusste meine Festnetznummer nicht. Sie fiel mir nicht ein. Nicht eine einzige Ziffer.
Ist das nicht überaus seltsam? Ich weiß die Nummer meiner Eltern und jene meines Grundschulkumpels Matthias. Ich kenne noch die Nummer meiner ersten Freundin von vor 38 Jahren und die von meiner ersten Arbeitsstelle. Aber ich kann nicht sagen, unter welcher Rufnummer ich derzeit zuhause zu erreichen bin. Eigentlich sind das sogar zwei Leitungen mit zwei Nummern. Die zweite hört mit acht auf. Glaube ich. Oder mit sechs.
Ich schwindelte, dass ich eigentlich gar keine Festnetzleitung habe und er sich mit der Mobilfunknummer begnügen müsse, was der Mann dann auch tat. Dann ging ich nach Hause und dachte, dass ich mal wieder ein Telefonat führen müsse. Mit meinem Festnetztelefon. Ich erinnere mich an schöne Plapperstunden, aber die habe ich seit Jahren nicht mehr mit einem richtigen normalen Telefon in der Hand verbracht. Das liegt aber nicht an mir.
Mein Festnetzdings nervt einfach seit seiner Anschaffung vor zwei Jahren. Das Ding ist wie ein Kochtopf, der zusätzlich Kartoffeln schälen und zu Püree stampfen kann, wodurch man sich genötigt sieht, Kartoffelpampe zu essen, nur um den Topf einen Gefallen zu tun. Das Telefon drängte sich jedenfalls mit lauter überflüssigen Anwendungen auf. Ich brauche weder den Kalender, noch das Adressbuch, ich nutze keinerlei Rufumleitungen oder Sprachboxen und ich möchte auch nicht über Börsenkurse oder Horoskope informiert werden. Wenn überhaupt will ich damit telefonieren. Und dafür benutze ich mein Handy. Aus lauter Trotz stellte ich nicht einmal Uhr und Datum ein. Monatelang war auf dem Display das Jahr 1976 zu lesen. Dann programmierte Nick das Ding und richtete einen Anrufbeantworter sowie sechstausend weitere Funktionen ein. Das Telefon stand dann in meinem Büro und als es zum ersten Mal klingelte, kapierte ich erst gar nicht, dass es sich um einen Anruf handelte, weil ich den Klingelton noch nie gehört hatte. Und außerdem hatte sich der Anrufer verwählt.
Eineinhalb Jahre lang blinkte ein rotes Briefumschlag-Symbol am Telefon. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, die Bedienungsanleitung dieses Kommunikationsmonstrums aus dem Internet runterzuladen und nachzusehen. In den einzigen Anrufen, die ich regelmäßig erhielt, wurde mir mit stockender Stimme mitgeteilt, dass ich. Vier. Neue. Nachrichten. Habe. Zum Abhören solle ich die „eins“ drücken. Machte ich nie. Wahrscheinlich bestanden die aufgenommenen Nachrichten darin, dass die Mailbox mitteilte, dass ich noch drei weitere Sprachnachrichten in der Mailbox hätte. Das Festnetz hatte ich nur, weil man das irgendwie so hat. Es ist Bestandteil eines Umzugs. Vermutlich gehöre ich der letzten Generation an, die noch so denkt.
Ich kam also jedenfalls in Gedanken an ein Festnetztelefonat nach Hause und dann stand das Telefon nicht in seiner Halterung. Es war weg. Ich rief es an, aber es klingelte nicht. Also suchte ich es überall in der Wohnung und fand es schließlich unter der Couch. Ich glaube, es lag seit Wochen oder Monaten dort, denn es war verstaubt und hatte sich abgeschaltet. Wahrscheinlich wollte es sich aus dem Fenster stürzen, kam aber nur bis unters Sofa. Ich stellte es wieder in die Halterung und es lud sich auf.
Und dann blinkte es wieder. Ich drückte auf den leuchtenden Knopf und das Telefon spielte eine Nachricht ab. Von meiner Tochter. Man hört ein paar Töne auf der Ukulele, dann kommt ihre Stimme: „Hallo! Ich dachte, ich rufe auf dem Festnetz an, das macht man ja bei älteren Menschen. Hör mal, hier ist ein Lied für Dich.“ Und dann singt sie ein selbstkomponiertes Lied für ihren Vater. Und ich Vollidiot höre das erst eineinhalb Jahre später ab.