Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.11.2020

708_Nicks achtzehnter Geburtstag

Die Sache war ganz anders geplant. Nicks achtzehnter Geburtstag sollte ursprünglich ein Triumphzug werden. Jubelnde Massen am Straßenrand, er in weißer Paradeuniform mit goldenen Knöpfen in einem riesigen Cabrio stehend und winkend. So wie Nicks Vorbild General Admiral Aladeen in seinem Lieblingsfilm „Der Diktator.“
Nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass ich kein Geld für zweitausend frenetisch ihn huldigende Statisten hätte, dampften wir die ganze Sache ein. Er wollte dann zuhause feiern und grillen. Im November. Das macht ja sonst kein Mensch. Ich fand die Idee charmant und seine Gästeliste mit 52 Personen nicht zu lang. Unter anderem wollte er alle seine Ex-Freundinnen einladen – und dann noch seine sieben besten Freunde. Das war der Stand der Planung im Frühsommer. Drei Monate verstrichen, die Corona-Kurve ging schwungvoll nach oben und wir mussten das epochale Ereignis neu denken. Ohne Freunde. Nur Familie. Zu viert. Wir schlugen ihm vor, in einem Lokal seiner Wahl zu speisen und danach ins Kino zu gehen. Das fand er gut, man müsse vernünftig sein. Wenige Tage später wurden sämtliche Lokale und Kinos geschlossen. Nick atmete tief durch und tat so, als sei das nicht so schlimm. Aber ich kenne ihn seit achtzehn Jahren. Es ist kacke, wenn man so achtzehn wird
Zu Carlas Volljährigkeit hatten wir noch ihre Freunde in eine enge Bar eingeladen Danach gingen sie in drei Clubs und zeigten überall ungefragt ihre Personalausweise vor. Sie waren so stolz, so leicht und so übermütig. Das ist jetzt gerade mal vier Jahre her, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen. Noch viel ewiger ist mein achtzehnter Geburtstag her. Er fand in der vordigitalen Steinzeit statt, in einer Epoche, in der man staunend vor Mikrowellen und CD-Playern stand und sich fragte, ob das jetzt nicht eigentlich Science-Fiction sei. Als ich vor fünfunddreißig Jahren Achtzehn wurde, stand „Cheri Cheri Lady“ auf Platz eins der Single-Charts und im Kino lief „Zurück in die Zukunft“.
In dem Jahr wurde Michail Gorbatschow Generalsekretär der Sowjetunion, aber es ahnte noch niemand, was das für die Welt bedeutete. Weder der Klimawandel, noch China und schon gar keine Pandemie spielten irgendwelche Rollen in unserem Leben. Wenn uns damals jemand erzählt hätte, dass in den USA einmal ein Typ an die Macht kommen würde, der Island kaufen wollte, der Australien und Österreich verwechselte, beinahe die Königin von England umrempelte und am Ende seiner Präsidentschaft eine Pressekonferenz auf dem Parkplatz einer Landschaftsgärtnerei abhalten würde, hätten wir angenommen, dass es sich bei dieser Präsidentschaft um einen Film mit Leslie Nielsen handeln müsste.
Wir waren im Vergleich zu unseren Kindern unfassbar frei. Komischerweise auch deshalb, weil wir nicht so viele Optionen hatten wie Nick und Carla und ihre ganze Generation. Die Welt ist für sie viel transparenter geworden, sie können über Webcams oder Live-Streamings spielend leicht jeden Winkel der Erde einsehen. Sie müssen nicht ihr ganzes Taschengeld für Platten ausgeben, weil Musik andauernd für fast umsonst aus dem Netz tropft. Sie können jeden Film und jedes Video ansehen, wann immer sie wollen. Sie können sich Geschäftsideen ausdenken und bekommen Geld, wenn ihre Idee gut ist.
Dafür sind sie aber auch ununterbrochen erreichbar, nicht nur für ihre Freunde, sondern auch für Influencer, Werbequatsch, Desinformation und Lügen. Sie müssen flexibel sein, sich andauernd neu justieren. Ich finde das wahnsinnig anstrengend. Wir hatten es damals viel leichter, auch wenn unser Leben nicht so bequem und reichhaltig war. Fast schon ein Paradox.
Wir aßen dann zu viert Kuchen und Nick schlug sich tapfer. Dann schickte ich ihn in den Keller, um eine Flasche Wein zu holen. Auf dem Weg musste er am Innenhof des Hauses vorbei. Dort hatten wir eine Feuerschale aufgebaut, an der seine sieben besten Freunde mit Champagner auf ihn warteten. Maskiert. Mit Abstand. Wir standen dann eine Stunde am Feuer und tranken auf ihn und die Volljährigkeit. Er war überrascht und beinahe so etwas wie gerührt. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meine weiße Uniform angezogen,“ sagte er trocken. Jetzt ist er volljährig. Hoffentlich bewahrt er sich seinen Humor.