Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.11.2020

709_Ungood Vibrations

Highlight Nummer eins letzte Woche: Ich fühlte mich mal wieder etwas zu schwer und entschloss mich daher, mehr Sport zu gucken. Im ZDF. Dort wurde das Länderspiel Deutschland gegen die Ukraine ausgetragen. Es machte mich federleicht, besonders in der siebzigsten Minute, denn da wurde eingeblendet: „Regie: Andreas Lauterbach.“
Was bedeutet diese Information? Sitzt dort im Stadion ein gewisser Andreas Lauterbach und dirigiert die Spieler auf dem Platz nach einem geheimen Drehbuch? Er sagt dann leise in ein winziges Mikrofon, dass Leroy sich mal das Knie halten soll, damit Kommentator Bela Rethy konspirativ raunen kann, dass sich da womöglich eine Verletzung abzeichne. Oder der Regisseur hält Manuel Neuer zu riskanten Hinausläufen an oder er befiehlt Abseitsstellungen oder gar Tore. Der Bundestrainer ist lediglich eine Marionette des Regisseurs und wird nur eingeblendet, wenn er wie versteinert auf der Bank sitzt und an seinem Zeigefinger riecht.
Ich finde es prinzipiell eine große Geste des ZDF, dass man das klandestine Wirken des Regisseurs Lauterbach mit einer sogenannten Bauchbinde würdigt, aber es ist auch etwas seltsam. Das kenne ich sonst nur von der Lufthansa, dass sich der Kapitän persönlich vorstellt. Im ICE habe ich das jedenfalls noch nie erlebt. Oder in der Buslinie 59. Aber die Vorstellung, dass überall kleine Regisseure sitzen, die dafür sorgen, dass in der Umkleidekabine der Vorhang klemmt, dass ich einen Parkplatz vor dem Haus finde oder dass kein Senfglas mehr in den Glascontainer passt, finde ich eigentlich ganz beruhigend. Denn dann geschieht nichts ohne Grund in meinem Leben.
Highlight Nummer zwei: WattsApp geht mir auf die Nerven. Ich kann es natürlich einfach löschen. Ich muss doch gar nicht immer erreichbar sein. Das denke ich öfter, wenn mich der Messenger-Dienst mit dem Dauerbrummen neuer Nachrichten zermürbt. Also eigentlich meistens. Ich verstehe auch gar nicht, wie es so weit kommen konnte, dass WattsApp sich so weit in meinen Alltag hineingebohrt hat. Ich war mit SMS gut bedient. Aber meine Kinder reagierten irgendwann nicht mehr auf Textnachrichten und zwangen mich dazu, WattsApp auf meinem Telefon zu installieren.
Leider stellten sie irgendwann die blauen Bestätigungshäkchen ab, sodass ich nicht mehr sehen konnte, ob sie meine wichtigen Fragen nach etwaigen Essenswünschen oder meine Einladungen zu Familien-Spieleabenden wahrgenommen hatten. Also ging ich dazu über, Sprachnachrichten zu versenden, weil man da immer sieht, ob sie abgehört wurden. Carla und Nick waren viel zu neugierig, um sie zu ignorieren, reagierten aber trotzdem nicht, stattdessen wendeten sie sich einem neuen Messenger-Dienst zu.
Eigentlich könnte ich ihnen folgen, aber die meisten meiner Mitmenschen sind bei WattsApp und ich befinde mich dort in zahlreichen Gruppen, von denen ein gewisser sozialer Druck ausgeht. Zum Beispiel wurde ich dem WattsApp-Club sämtlicher Hausbewohner zugefügt, weil man auf diese Weise schnell kommunizieren kann, falls es brennt oder das Treppenhaus über Nacht verschwunden ist. Beides ist bisher nicht eingetreten, aber Marga verschenkt einen Tripp-Trapp-Stuhl, dessen Farbe Susi nicht gefällt, die wiederum fragt, ob jemand ein Paket für sie angenommen hat und wo die Luftpumpe ihres Sohnes sei. Außerdem wird mitgeteilt, dass das warme Wasser nicht geht, worauf ich ohne diese Nachricht nie gekommen wäre und dass man gemeinsam einen Glühwein im Hof trinken könne, wenn man den Mindestabstand einhielte. Dies könne nur gelingen, wenn alle auf ihren Balkons stünden, aber das sei ja auch ganz stimmungsvoll. Sämtliche Beiträge erreichen mich mit einem dramatischen Klingeln, dass ich ebensowenig abstellen kann, wie die Vibrationsfunktion. Bimmel und wwwt.
Letzten Mittwoch dann das Spiel der Deutschen gegen Spanien. Ich habe es nicht gesehen, ich hatte Besuch. Aber mein Telefon zerklingelte sich regelrecht und vibrierte wie Fritz Walter in seinem Grab. 1:0, 2:0, 3:0, 4:0, 5:0 und schließlich 6:0. Tja. Das Spiel wurde von der ARD übertragen und man kann sagen, dass den Deutschen ein fähiger Regisseur dringend gefehlt hat. Wo ist eigentlich Andreas Lauterbach, wenn man ihn braucht?