Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.11.2020

710_Die Pandemie-Verblödung

Diese Pandemie tut mir nicht gut. Ich fürchte, dass sie mich verblödet. Dabei macht mir Homeoffice nichts aus, ich habe immer Homeoffice. Und da ich nie in Konferenzen und Besprechungen sitze, niemals in Kaffeeküchen oder Kantinen herumlungere und niemals Termine mit den Kollegen am Standort Ulm oder dem Kunden in Bremen habe, fehlen mir auch keine sozialen Kontakte.
Dennoch hat Corona schwere Auswirkungen auf meine seelische Gesundheit. Ständig muss ich mich schützen. In Geschäften kann ich eine Maske gegen das Virus tragen, aber der schlimmste Nebeneffekt der Pandemie erreicht mich ständig und ungefiltert. Und das ist die Verblödung. Ich könnte ihr nur entgehen, in dem ich mich von sämtlichen Medien fernhielte. Sie sind es schließlich, die den ganzen Quatsch verbreiten, sehr häufig in der Absicht, darauf hinzuweisen, wie blöd die Urheber des Blödsinns sind. Das ist zwar ehrenhaft, aber damit ist der Blödsinn in der Welt.
So wie kürzlich der Auftritt von „Jana aus Kassel“, welche offenbar die Attila-Hildmann-Gesamtschule absolviert hat und im Video verkündet, dass sie sich wie Sophie Scholl fühle. Weil sie sich im Widerstand befindet. Das ist so dämlich, dass es gleich allenthalben für Erregung und zum Glück auch für Erheiterung sorgte. Wenn das so ist, dann fühle ich mich wie Graf Stauffenberg, wenn ich meine Einkaufstüte in der U-Bahn abstelle.
Oder die Äußerung von Armin „The Brain“ Laschet, der damit zitiert wurde, dass das kommende Weihnachten das härteste Weihnachten der Nachkriegsgeneration werde. Das klingt hochdramatisch, weil der Satz das Wort „Krieg“ enthält. Die Behauptung, dass die Nachkriegsgeneration dramatische Zeiten vor sich hat, verliert jedoch deutlich an Brisanz, wenn man „Nachkriegsgeneration“ durch „Baby Boomer“ ersetzt. Das ist nämlich, je nach Definition, dieselbe Personen-Gruppe. Und während „Nachkriegsgeneration“ nach durchgelatschten Schuhen, Graupensuppe und Trümmerfrauen klingt, erinnert „Baby-Boomer“ eher an volle Kühlschränke, Otto-Versand und Farbfernsehen. Den Angehörigen der in den Fünfziger– und Sechzigerjahren geborenen Alterskohorte ging es nie richtig schlecht. Und wenn in diesem Jahr die Weihnachtsfeier im Betrieb ausfällt, entgeht dem Abteilungsleiter zwar die Möglichkeit, seine Sekretärin mal ohne Brille zu sehen, aber so richtig entbehrungsreich im Laschetschen Sinne finde ich das nicht.
In den Medien findet jedenfalls eine Art Überbietungswettbewerb an Unsinnsäußerungen statt und ich befürchte, dass die Zeitungen und die Radio– und Fernsehsender darüber ganz froh sind, weil sie auf diese Weise das Interesse an den Nachrichten aufrecht erhalten. Oder es ist einfach so, dass wirklich gerade nichts Wichtigeres geschieht. Deshalb musste man sich zuletzt tagelang immer wieder ansehen, wie eine grauenhaft gekleidete Frau den Wirtschaftsminister Altmeier im Bundestag bedrängt. In den Nachrichten wurde die Dame als „Aktivistin“ bezeichnet, als absolviere sie gerade einen Hungerstreik in einem bolivianischen Gefängnis. Ich bin der Meinung, dass man, wenn man schon zeigt, wie sie mit dem gezückten Handy hinter dem schutzlos wirkenden Minister herläuft und ihn volllabert, auch sagen muss, was man da sieht: Eine Bekloppte. Das hätte mir gefallen: In der Tagesschau sagt Judith Rakers zu den Bildern: „Heute wurde Peter Altmeier von einer Bekloppten bedrängt.“ Das stimmt zwar, aber das traut sich keiner. Wir sind zu höflich zu den Verschwörungs-Armleuchtern und rechten Spinnern. Und den Klugen hört keiner mehr zu.
Ich verblöde davon. Es wird immer schlimmer. Beispiel: Vorgestern brachte ich morgens mein Auto zur Inspektion und fuhr dann mit der Straßenbahn nach Hause. Gegen 16 Uhr rief die Werkstatt an und sagte, der Wagen sei fertig und abholbereit. Ich antwortete, dass ich sofort käme. Fünfzehn Minuten später war ich immer noch nicht weg. Ich suchte verzweifelt und wütend nach meinem Autoschlüssel und konnte ihn einfach nicht finden. Als schließlich nach einer Viertelstunde der Groschen fiel, war ich erleichtert aber auch alarmiert. Von mir zu Jana aus Kassel ist der Weg nicht mehr weit. Ich muss weniger Nachrichten gucken!