Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.12.2020

711_Hochtensien für Hochst

Zu den lästigsten vorweihnachtlichen Tätigkeiten gehört der Kauf eines Adventskranzes, der bei mir traditionell kurz nach dem ersten Advent stattfindet. Sobald das erste Kerzlein angezündet werden muss, fällt mir nämlich ein, dass ich noch keinen Kranz habe, geschweige denn ein Kerzlein. Bisher kaufte ich die Dinger immer für zehn Euro im Baumarkt und warf sie nach Silvester in den Müll. In diesem blöden Jahr war mir jedoch nach Glamour zumute ich suchte ein Fachgeschäft auf.
Die Verkäuferin musterte mich, zeigte beherzt auf einen Kranz und rief: „Das ist Ihrer. Männlich und mit dem kühlen Blau der winterlichen Horstensie. Den können sie mehrere Jahre benutzen.“ Das gefiel mir gut, weil er am Ende 225 Euro gekostet hat. Das ist viel, oder? Ich fühlte mich wie Bill Gates, nachdem er für einen Liter Milch 23 Dollar bezahlt hat, weil er die Preise nun einmal nicht so im Kopf hat.
Ich drapierte den Kranz auf dem Esstisch und zündete eine der Kerzen an, die aber nicht wesentlich anders abbrannte als auf einem Zehn-Euro-Kranz. Ich hatte für das Geld ein größeres Spektakel erwartet. Damit sich die Anschaffung einigermaßen amortisiert, muss ich das Ding jetzt einhundert Jahre lang benutzen, dann hat es bloß 2,25 Euro pro Weihnachten gekostet. Das ist günstig. Oder: Ich gehe in zehn Jahren damit zu „Bares für Rares“.
Ich lege den Kranz auf den Tresen und da kommt auch schon Horst Lichter angelaufen, der immer aussieht, als hätte Tomi Ungerer einen Wehrmachtssoldaten gemalt. Lichter ruft: „Wen hama denn da?“ Ich stelle mich vor und er sagt: „Ich bin der Hochst. Und jetzt erzähl uns doch mal, watt datt hier is!“ Ich erkläre Hochst und dem Experten, dass es sich um einen Blumenkranz aus dem Besitz von König Ludwig II handele. Und dass ich in Schloss Neuschwanstein als Raumpfleger tätig gewesen sei. Der Kranz habe unter dem Bett des unglücklichen Monarchen gelegen, wo seit über hundert Jahren nicht mehr saubergemacht worden war, bis ich gekommen sei. Man habe mir den Kranz anstelle eines Lohnes überlassen und mir gesagt, der König habe diesen Kranz in Winternächten auf dem Kopf getragen. Aber ich habe ihn zehn Jahre als Adventskranz benutzt. Deshalb auch die Kerzen.
„Leck misch de Söck,“ jubelt Horst Lichter und dann ist der Experte dran, in diesem Fall der höfliche Detlev Kümmel, der den Kranz mit einer Lupe auf Beschädigungen überprüft und dann ausführt, dass es sich um einen Kranz aus dem Blumenhaus Bögelmann in Füssen handeln müsse. Dort habe die berühmte Maria Bögelmann ab 1876 stilbildende Kränze gewunden, häufig wie hier unter Verwendung blauer Hortensien. Dann zeigt er auf die Hortensien und Horst Lichter ruft: „Jetzt seh‘ ichet auch. Hochtensien!“ Der Experte sagt, dass dieser Kranz eine einmalige Rarität sei, zumal aus dem Besitz von Ludwig II.
Nun raunt Lichter, dass ich doch sicher eine Preisvorstellung habe und ich antworte defensiv, dass ich vielleicht 225 Euro dafür haben wolle. Herr Kümmel sagt, das sei zu niedrig gegriffen. „Für einen solchen Kranz würde ich 500 bis 600 Euro ansetzen“ verkündet er. Da gebe es geradezu hysterische Sammler. Horst wünscht mir viel Glück bei den Händlern.
Wenig später stehe ich vor denen und Waldi verkündet, er gebe mir achtzisch Euro für den Prügel. Wolfgang Pauritsch mault an den Wachsflecken auf den Blütenblättern herum und dass der Kranz nicht signiert sei. Fabian Kahl bietet 300 Euro, worauf Waldi aus- und Daniel Meyer einsteigt. Er offeriert 400 Euro für das schöne Stück und es kommt zum Bietergefecht, in dessen Verlauf natürlich die Frage gestellt wird, wo denn meine Schmerzgrenze sei. Ich lüge und sage, dass sie bei 700 Euro verlaufe und schließlich schlägt Daniel Meyer mit 700 Euro zu und Pauritsch fragt: „Wollen Sie den Kranz zu diesem Preis verkaufen?“ Ich sage ja und habe ein gutes Geschäft gemacht. Jedenfalls in meiner Vorstellung.
Abends kommt mein Sohn und Mitbewohner Nick nach Hause. Er sieht den zauberhaften Adventskranz mit den blauen Hortensien und sagt: „Was ist das denn? Ein Glück ist das furchtbare Ding am 1. Januar weg. Das ist ja sagenhaft scheußlich.“ Gut. Ja. Ich nehme dann also ab sofort Gebote entgegen.