Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.12.2020

712_Zlatanisierte Zitronensterne

Seit Jahren dieses patriarchalische Elend: Sara und Carla backen, Nick und ich fressen. Aber damit war es letzte Woche vorbei. Die Frauen forderten Nick und mich dazu auf, Plätzchen herzustellen. Man komme langsam in ein Alter, wo man sich nicht mehr von Muttchen bebacken ließe. Daraufhin verstieg sich Nick zu der irren Behauptung, er habe nur deswegen noch nie gebacken, weil er seine Mutter und seine Schwester nicht mit seinen krassen Back-Skills beschämen wolle.
Das war blöd und führte dazu, dass Sara zu einem Wettbacken aufrief. Zeitgleich in beiden Wohnungen. Jedes Team habe drei Sorten anzufertigen. Man müsse die Fortschritte dokumentieren. Carla war begeistert, Nick komischerweise auch. Ich sagte, dass ich für so etwas keine Zeit habe, weil ich ein vielbeschäftigter Mensch sei. Das war gelogen. Frau Corona hat meine Lesereise abgesagt, das nächste Buch muss erst im April fertig sein. Ich habe nüscht zu tun und bereits alle Madenschrauben in sämtlichen Türklinken der Wohnung nachgezogen. Ich habe frei und jeder weiß das. Also füge ich mich in mein Schicksal.
Nick und ich kaufen ein, um drei Arten von Plätzchen nach Familienrezepten herzustellen. Vielfach verzehrt, narrensicher, easy. Zurück zuhause öffnen wir zur Vorbereitung ein Back-Bier. Darüber vergeht ein gutes Stündchen, dann stelle ich fest, dass wir für das Berliner Brot kein Hirschhornsalz haben. Nick behauptet, dass sei ein Hippie-Gewürz, welches man safe durch die dreifache Menge Tafelsalz ersetzen könne. Da er früher mal Hauswirtschaft in der Schule hatte, glaube ich ihm. Wir fertigen den Teig an und verteilen ihn auf einem Backblech, welches wir feierlich dem Ofen übergeben. Darauf stoßen wir mit einem Ofen-Bier an.
Das Berliner Brot erweist sich dann als ausgesprochen widerstandsfähig. Man könnte es gut als Straßenbelag oder im Betonbau verwenden. Nick sagt, das sei okay so, man müsse es ja nicht „Berliner Brot“ nennen. Er schlägt stattdessen „Berliner Mauer“ vor. Ein völlig neuer und übrigens herrlich salziger Snack für den Fußballabend. Leider lässt sich das Zeug nicht schneiden und auch nicht sägen. Wir beschließen, dass man sich, wenn der kleine Hunger kommt, Portionen vom Stück hämmert und sind zufrieden.
Zwischendurch erhalten wir Fotos. Carla und Sara schicken Bilder von vollen Backblechen, von abdampfenden Makronen und mit Puderzucker bestäubten Frauenwangen. Wir öffnen ein Foto-Bier und machen Selfies, dann beginnen wir mit der Vanille-Kipferl-Produktion. Leider fehlen die gemahlenen Haselnüsse. Vergessen. Nick schlägt vor, stattdessen gesalzene Erdnüsse zu nehmen, denn Nuss sei Nuss. Und außerdem könne man das Salz abwaschen. Ich kann ihn mit Mühe davon abhalten, Spüli dafür zu verwenden. Dann zerquetschen wir die nicen Nüsse mit leeren Bierflaschen und mengen sie in den Teig. Die Kipferl sehen zwar etwas schwierig aus, aber sie kommen ja auch nicht aus der Fabrik. Das ist eben Handwerk. Nach dem Abkühlen werden sie bestäubt und umgehend entsorgt, bis auf die beiden Exemplare, die nicht bei Berührung zerbröselt sind.
Nun noch Zitronensterne. Nick möchte sie gerne mit dem Penis-Förmchen ausstechen, dass er zum Geburtstag von seinem Freund Finn bekommen hat. Aber die Dinger heißen Zitronen-Sterne und nicht Zitronen-Pimmel. Da lasse ich nicht mit mir diskutieren. Wir stechen aus, glasieren und backen im Akkord. Dann schmeißen wir weg, weil man die Plätzchen erst nach dem Backen glasiert und nicht vorher. Menschenskind. Also stellen wir ein zweites Blech her und als der Wecker klingelt, öffne ich den Ofen, um die Plätzchen herauszunehmen. Gleichzeitig hält Nick ein Impulsreferat zum Thema Zlatan Ibrahimovic. Er erzählt, dass der Fußballspieler gerne seine Gegner düpiere und dann verkündet, sie seien soeben zlatanisiert worden. Er berichtete von einem legendären Kung-Fu-Tritt des wilden Zlatan und macht ihn vor, als ich mich umdrehe. Nick zlatanisiert das Backblech, die Plätzchen fliegen durch die Küche und zerschellen auf dem Boden. Wir glasieren sie trotzdem bei einem Glasur-Bier.
Am Ende haben die Frauen gewonnen. Wir hatten bloß Berliner Mauer, Bröckel-Kipferl und Zitronen-Schrott. Harte Arbeit, karger Lohn. Aber ziemlich viel Spaß.