Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.12.2020

713_Die Monokel-Industrie

Nick nimmt die Corona-Pandemie mit einem beängstigenden Gleichmut hin. Man könne daran jetzt nichts ändern. Man müsse sich bloß an die Regeln halten, dann käme die Bevölkerung schon klar. Diese Aussagen fand ich bemerkenswert. Sie kamen immerhin von Einem, der es nicht einmal schafft, ein Frühstückstellerchen vereinbarungsgemäß in die Spülmaschine zu räumen.
Jedenfalls erklärt ausgerechnet dieser windige Regel-Ignorierer das Einhalten von Coronoa-Geboten zur Selbstverständlichkeit. Und komischerweise verhält er sich auch danach, man muss gar nicht schimpfen. Ich hätte dafür momentan aber auch gar keine Zeit, weil ich seit Tagen damit beschäftigt bin, mich gegen die Werbung zu wehren, die mir im Internet auf allen Kanälen entgegenweht. Irgendeine strunzblöde künstliche Intelligenz ist der Ansicht, dass mir auf jedem Meter, den ich bei Facebook und sonstwo im Netz beschreite, personalisierte Reklame präsentiert werden muss. Man hat mein Kauf– und Surfverhalten messerscharf analysiert und nun bekomme ich andauernd Werbung für unfassbar doofe Produkte. Dabei kaufe ich keine doofen Produkte. Oder nur manchmal. Gut. Häufig kaufe ich doofe Produkte oder ich konfiguriere zum Spaß Autos, die ich nicht kaufen würde. Aber das ist noch lange kein Grund, mir ununterbrochen die Anschaffung eines Jaguars oder ein zwanzig-Kilo-Sparpaket zypriotischen Grillkäses anzubieten.
Zuletzt meinte die Werbewirtschaft, ich solle mir ein Monokel kaufen. Angeblich der heißeste Shit des Jahres. Kommt wahrscheinlich aus Berlin, dem Weltzentrum für peinliche Lifestyle-Ideen. Aber nicht einmal dort trägt jemand Monokel. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden gesehen der sich freiwillig eine Glasscherbe ins Auge gekniffen hätte. Aber komischerweise geht man davon aus, dass ich das gut finde. Wahrscheinlich wegen des silbernen Feuerzeugs, dass ich mir mal gekauft habe. Als dessen Besitzer gerät man bei entsprechenden Algorithmen in Monokelverdacht. Ich würde mir aber eher eine Pistole besorgen und mir in den linken Fuß schießen, als ein Monokel zu tragen. Ich möchte auch kein albernes Küchenbrett, keine Cordweste, keine beschrifteten Sofakissen und keinen Profigrill aus Kentucky.
Die sogenannte klassische Werbung ist offenbar auf dem Rückzug, weil man in den Weltzentralen der Konsumsteuerung glaubt, dass man die Menschen digital noch tiefer im Kern ihres Wesens erreicht und viel besser manipulieren kann als auf althergebrachte Weise. In den alten Zeiten gab es eine Kinowerbung, in der sämtliche Eissorten der werbungtreibenden Firma gezeigt wurden. Der Spot spielte am Strand und die dafür komponierte Musik wurde ein Hit. Die Zeiten sind nicht fern, da bekommt jeder Kinobesucher über eine Spezialbrille einen eigenen Film gezeigt, der jeweils nur Sorten präsentiert, von denen bekannt ist, dass er sie mag, und zwar in einer Gegend, wo er schon mal war, unterlegt mit Musik, die offensichtlich zu ihm passt.
Man sollte glauben, dass die digitalisierte Methode der Beeinflussung unschlagbar wäre, aber Nick hat den Gegenbeweis angetreten. Der Junge, den so schnell nichts erschüttern kann, erzählte mir soeben eine wirklich unfassbare Geschichte: Die Freundin eines Freundes seines Freundes Finn sei im Sommer bei einer Party auf der Tanzfläche mit einer Nadel gestochen worden. Sie habe in ihrer Jackentasche einen Zettel vorgefunden, auf dem stand: „Willkommen im AIDS-Club“ Sie habe dann einen Test absolviert und sei nun tatsächlich HIV-positiv. Fürs Leben gezeichnet. Müsse man sich mal vorstellen.
Ich lachte sehr und erklärte ihm, dass es sich hier um eine Urban Legend handelt. Exakt diese Geschichte geistert seit bald dreißig Jahren um die Welt, ich kenne sie selber noch aus alten Ausgehzeiten. Dieser Großstadt-Mythos wird weiterhin völlig analog von Mensch zu Mensch verbreitet und das extrem erfolgreich. Gerade das finde ich beruhigend, denn es spricht für eine gewisse Überlegenheit gegenüber der künstlichen Intelligenz, die bei mir zumindest bis jetzt keine Kauf-Impulse auslöst. Ich soll ein Monokel kaufen. Leute! Echt jetzt?