Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.12.2020

714_Der bügelfreie Boris

Beim Grübeln nach den Ursachen für meine pathologische Bügel-Begeisterung landete ich bei Boris Becker. Zu den einprägsamsten Erinnerungen meines Lebens gehören seine großen Matches. Ein Detail an den Übertragungen hat mich immer besonders gefesselt. Man kann schon sagen, dass ich besessen war von den magischen Momenten, in denen die Spieler in ihren Pausen auf der Bank saßen – und ein originalverpacktes Hemd aus der Tasche holten. Diese Ersatzwäsche war keineswegs bei Beckers zuhause in Leimen von der Mama gewaschen worden, sondern völlig neu, ungetragen und total faltenfrei.
Der glamouröse Move, alle paar Aufschlagspiele ein flammneues Hemd auszupacken, hat mich mehr beeindruckt als der übermenschliche Siegeswille von BB. Wenn man einen Traumaforscher fragt, könnte diese Elektrifizierung meiner Seele vielleicht die Bügelsucht ausgelöst haben, der ich mich sklavisch hingebe. Gebügelte Wäsche ist für mich das Größte.
Gibt es etwas Feineres, als in eine gebügelte unverknitterte, geradezu US-Marines-artige Boxershorts zu steigen? Das Gefühl von unangetasteter Glattheit ist noch am ehesten vergleichbar mit dem Moment, in dem man sich in ein frischbezogenes Bett legt. Oder T-Shirts. Ein gut gebügeltes und perfekt zusammengelegtes Shirt anzuziehen, ist mein persönlicher Grand-Slam-Seitenwechsel-Moment. Wenn ich könnte, würde ich meine Hemden nach dem Bügeln einschweißen. Ich würde morgens auf der Bettkante sitzen, ein isotonisches Getränk zu mir nehmen, in eine Banane beißen und dann gedankenverloren das T-Shirt aus der Verpackung holen, um es überzustreifen und mich dem vierten Satz zu stellen.
Selbstverständlich bügle ich mit derselben Hingabe auch alle Klamotten meines Sohnes. Er mag das, auch wenn er sich nie dafür bedankt, weil er mich nicht darum gebeten habe und er es sich auch gar nicht aussuchen könne. Da hat er Recht. Ich würde seine Sachen auch dann bügeln, wenn er darauf mit nässendem Hautausschlag reagieren würde. Ich tue es für mich, nicht für ihn. Auch traurige Wahrheiten müssen ausgesprochen werden.
Seit ein paar Monaten stellte ich nun bei meinen wöchentlichen Bügel-Sessions fest, dass ich auch Boxershorts bügelte, die ich nicht selbst erworben habe. Welche mit Mäusen drauf. Einige mit Karos, zwei mit blauen Streifen und auch T-Shirts, die nicht meinem Sohn gehörten. Ich nahm an, dass es Hinterlassenschaften von Kumpels waren, die bei uns übernachtet haben. Das kommt öfter vor. Ich sprach Nick darauf an und er teilte mit, dass er auch manchmal im Gegenzug Kleidung von Finn mitnimmt, wenn er dort übernachtet und nichts Frisches dabeihat. Dafür lässt er dann Finns Mutter seine Unterhose zum Waschen da. Oder auch mal Shirts. Die Sachen zirkulieren sozusagen im Freundeskreis. Es kann durchaus sein, dass Nick einmal eine Shorts bei Finn liegen ließ, welcher diese dann nach dem Waschen angezogen und seinerseits bei Lucas gelassen hat, der sie wiederum bei seiner Freundin auszog, die die Hose in die Wäsche gab, worauf ihr kleiner Bruder sie anzog und bei einer Übernachtung im Hause Schulze vergaß, von wo sie über den Umweg Max, Leon und Valerie irgendwann wieder bei uns gelandet ist.
Das ist im Prinzip in Ordnung, aber erstens tauchen manche Sachen auch nie wieder auf und werden zweitens durch Klamotten ersetzt, die bei weitem nicht dieselbe Qualität aufweisen. Mit anderen Worten: Ich kaufe Marke und bekomme Plunder. Und jüngst hatte ich ein fremdes weißes Oberhemd in der Wäsche. Und dann noch eines und ein sehr aufwendiges Rüschenhemd, das zu bügeln einen halben Tatort dauerte. Überhaupt ist die schiere Menge an Bügelwäsche in den letzten drei Wochen eklatant gewachsen. So viel Kleidung haben wir gar nicht. Das machte mich dann doch misstrauisch.
Ich wartete ab, bis Finn mal wieder zu Besuch war und erwischte ihn dabei, wie er einen ganzen Stapel frischer Kleidung in seinen Rucksack stopfte. Darauf angesprochen sagte er, dass er seine Sachen inzwischen nur noch bei uns abgebe. Sie röchen hinterher so gut und sähen aus wie neu. Und dann fügte er hinzu: „Niemand bügelt wie Du.“ Ich war zu gerührt, um zu meckern. Es ist das schönste Kompliment, dass ich je bekommen habe.