Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.01.2021

716_Ein Bote aus der Hölle

Es bringt nichts, heute mit früher zu vergleichen. Meistens verklärt man dabei die guten alten Zeiten. Aber: ich bilde mir ein, dass die Stimmung der Leute noch vor wenigen Jahren insgesamt besser war. Heute hat man den Eindruck, dass die Menschen sich in einem ständigen Wechsel zwischen einigermaßen verträglich und hochaggressiv befinden. Oder sie verzichten gleich auf das verträglich und benehmen sich durchgehend wie ausgehungerte Berghutzen in der Pommesbude.
Besonders verhaltensauffällig: Der Paketbote. Er ist der Schrecken des Hauses, in dem ich lebe. Eigentlich mag ich Paketboten. Als ich noch auf dem Land lebte, gab es dort einen fröhlichen Zusteller, der jahrelang durchs Dorf tuckerte. Viele Familien dort besaßen Hunde, manche waren groß und er hatte Angst vor ihnen. Aber er fand einen Weg, damit umzugehen. Er hatte immer Hundekekse dabei und die verfütterte er an bellende Boxer und knurrende Retriever. Irgendwann freuten sich nicht nur die Kunden, sondern auch ihre Haustiere, die hocherfreut auf ihn zuliefen, wenn er durchs Gartentor kam. Er hatte zwar immer noch Angst vor ihnen, aber er hatte sie alle für sich gewonnen. Er wurde geliebt und nie gebissen.
Jetzt, hier in der verschneiten Stadt, ist es genau umgekehrt. Der Paketbote ist bissig und jeder fürchtet ihn. Ich habe überlegt, ob wir als Hausgemeinschaft vielleicht in Leckerlis investieren wollen, um ihn gewogen zu machen. Man könnte ihn damit füttern und vielleicht findet er ja dann die Kraft zu einem einigermaßen angemessenen Umgang. Dieser Bursche ist derart unfreundlich, miesepetrig, mopsig und unerreichbar für jede Form zwischenmenschlicher Interaktion, dass man sich fragt, wie er sich selber erträgt. Eigentlich müsste er sich andauernd selber ohrfeigen, weil er so eine miese Type ist.
Dabei habe ich Verständnis für seine Situation. Das ist eine schwere Arbeit. Und sie wird schlecht bezahlt. Aber dafür kann ich nichts. Von mir aus können Paketboten das Gehalt eines Oberarztes bekommen, ich habe nichts dagegen. Aber mich fragt leider niemand. Und auch falls es herzlos klingt: Wenn ich freundlich bin und ihm entgegenlaufe, dann möchte ich, dass er es auch ist. Er muss sich nicht dafür bedanken, aber er könnte grüßen. Ich möchte nicht von diesem Kerl angeschnauzt werden, weil ihm ein Paket zu schwer ist. Und vor allem will ich nicht, dass er diese blöden Zettel in den Briefkasten schmeißt, obwohl ich zuhause bin.
Zwischendurch hat er sich angewöhnt, die ganze Post einfach irgendwo im Haus bei irgendwem abzuladen und anschließend sämtliche Empfänger via Zettel darüber zu informieren. Da er keine Zeit hat, die Dinger richtig auszufüllen und weil er böse ist, sind sie völlig unleserlich. In der WattsApp-Gruppe der Hausbewohner füllen sich die Sprechblasen täglich mit bizarren Konversationen. Marga fragt, ob irgendwo ein Paket für sie angenommen wurde. Susi antwortet, dass nein, aber man habe eine Sendung für Bodenfels, ob die da seien. Darauf meldet sich Johanna und teilt mit, dass Bodenfels noch weg seien, aber man könne das Paket nebenan bei Müllers lassen. Diese antworten, dass sie ein Paket für mich angenommen hätten, aber das sei schon so lange her, dass sie es gerne behalten würden.
Wenn ich auf etwas Wichtiges warte, versuche ich, den Boten abzufangen, damit ich meine Post bekomme. Normalerweise klingelt er mit der ganzen Hand umstandslos bei allen Nachbarn. Irgendwer macht ihm dann auf. Dann muss man schnell sein und „Hallo-Hallo“ brüllend durchs Treppenhaus toben, denn sonst verschwindet die Sendung irgendwo und man muss eine investigative Recherche anstellen.
Das ginge ja noch. Aber wenn er Bock darauf hat, nutzt er seine Macht für das Unfassbare und nimmt das Paket wieder mit. Das ist der Horror, denn dann landet es in dem Handygeschäft um die Ecke, wo unglückliche Kunden es abholen dürfen. Das gilt es unbedingt zu vermeiden, denn es bringt nur Kummer und Verdruss, weil erstens die Schlange vor dem Geschäft so lang ist wie die Niederlagenserie von Schalke 04, zweitens die Handyleute noch unfreundlicher sind als der Bote und das Paket drittens mit einer hohen Wahrscheinlichkeit gar nicht dort ist – sondern in der vierten Etage bei Bodenfels.