Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.01.2021

717_Die alternative Perspektive

Es ist alles eine Frage der Perspektive, sagt man oft. Kommt eben drauf an, von wo aus man eine Angelegenheit betrachtet. Und die beste Sicht ist die von oben. Das dachte ich vor einiger Zeit wieder, als ich in einem Restaurant am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz saß und Zeuge wurde, wie mehrere hundert – übrigens vorbildlich maskierte –Demonstranten mit Fahrrädern und Stadtmöblierung um sich warfen. Aus meiner Erdgeschoss-Perspektive schien die Lage bedrohlich. Die Bewohner der umliegenden gentrifizierten Altbauwohnungen hingegen erlebten die Randale als aktionsreiche Theater-Darbietung. Sie standen mit einem Glas Rotwein auf dem Balkon und sahen amüsiert dabei zu, wie die Polizei tobende Vermummte aus dem Vorgarten der Volksbühne entfernte.
Von oben betrachtet kommt einfach Ordnung ins Chaos. Das gilt auch für den Gehweg vor meinem Haus. Dort haben städtische Mitarbeiter vor ein paar Wochen mit weißer Farbe ein Geviert gezeichnet und darin einen E-Roller. Bedeutet: Nutzer dieser skelettösen Scheußlichkeiten sollen diese dort parken. Das ist prinzipiell ein guter Ansatz, allerdings kann man die Abstellfläche nur von oben sehen. So wie ich. Leider sind die allerwenigsten Scooter-User in einem Helikopter unterwegs. Deshalb erkennen sie die Abstellfläche nicht und stellen ihre rollenden Tretminen nach wie vor überall ab. Nur nicht in dem Viereck. Es fehlt ihnen einfach die in jeder Lebenslage segensreiche Draufsicht.
Mit einem Perspektivwechsel auf ihre Situation wäre gerade auch den Jugendlichen geholfen. Sie sind die größten Verlierer der momentanen Lage. Und zwar ausdrücklich nicht wegen der ausgefallenen Partys der letzten Monate. Wer den Verzicht auf regelmäßiges Komasaufen als eklatanten Einschnitt ins Leben betrachtet, soll sich mal mit Gleichaltrigen aus Aleppo unterhalten. Verlierer sind unsere 18jährigen eher deswegen, weil ihnen wegen Corona die gloriose Erfahrung des Übergangs von der Kindheit ins Erwachsenenalter mit dem Erwerb des Abiturs so erschwert wird.
Wer jetzt für das Reifezeugnis ackert, hat die Arschkarte gezogen. Lern-Plattformen funktionieren eher nicht, der Lehrkörper dematerialisiert sich mit der Dauer der Krise, keiner weiß so ganz genau, ob Termine gehalten werden können und vor allem: Die Motivation geht flöten. Kein Wunder, wenn das ganze Leben nur aus Einschränkungen und Regeln besteht und die Energie nicht in den Schulsport, sondern in die Playstation wandert.
Großes Thema bei uns: Was soll das alles überhaupt? Warum aufstehen und anziehen? Einer von Nicks Lehrern berichtet, dass er morgens um acht, wenn sie mit der Zoom-Konferenz beginnen, ausschließlich in die Gesichter von Damen und Herren schaut, die noch im Bett liegen. Sie erhalten einen Arbeitsauftrag, schalten ab und schlafen weiter. Ob sie später am Vormittag selber denken oder googeln, das weiß kein Mensch. Und was es ihnen bringt auch nicht. Jetzt Abi machen, um Veranstaltungstechniker zu werden? Oder eine Lehre im Hotel zu absolvieren? Oder in der Textilwirtschaft? Oder im Gesundheitswesen? Jetzt lernen, um danach in die Röhre zu schauen? Man sollte ihnen den Psycho-Stress ersparen.
Ich schlage daher eine allgemeine Abi-Amnestie vor. Sämtliche Abiturientinnen und Abiturienten bekommen eine Durchschnittsnote von 2,8. Alle. Ohne Prüfungen. Wer meint, dass er besser abgeschnitten hätte, soll freiwillig antreten, um seinen Durchschnitt anzuheben. Wer mit 2,8 genau richtig bewertet wurde, spart sich den Stress und wer underperformed hätte, kann sich freuen. Ich gehe jede Wette ein, dass man an den Hochschulen und in den Ausbildungen überhaupt nicht bemerken würde, dass jemand für sein Abitur keine Prüfung abgelegt hat. Und es wäre auch die fällige Wiedergutmachung für die Fehlleistungen der Bildungspolitik in den letzten Jahren, zu denen neben dem verzweifelten Auf und Zu seit letztem März auch die Nicht-Digitalisierung sowie das gescheiterte G8-Geschiebe gehören.
Man könnte nun einwenden, das sei ungerecht gegenüber all jenen, die sich Prüfungen unterzogen hätten. Ich hingegen meine, die momentane Prüfung des Lebens ist mindestens so schwer zu bestehen wie das Abitur. Naja. Am Ende ist es alles: Eine Frage der Perspektive.