Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.01.2021

718_Ich bin Hans-Jochen Poppins

Früher wusste ich ICE-Fahrpläne auswendig und wo man im Zug am besten sitzt. Ich fand mich überall zurecht, kannte alle Gleise Deutschlands beim Vornamen und traf immer überall pünktlich ein. Sogar in Wiesbaden. Es war eine über Jahre erworbene Reisefähigkeit und ich spüre, wie sie allmählich verblasst. Sie wird nun einmal nicht mehr trainiert. Weil ich seit Monaten zuhause rumsitze.
Dafür kann ich jetzt neue Sachen. Zum Beispiel bin ich inzwischen ein glänzender Einkaufs-Logistiker. Vor der Pandemie kaufte ich dann und wann ein, ich war ja viel weg. Und deshalb hatte ich die Vorräte weder im Blick noch im Griff. Keine Ahnung, wie lange etwas hielt. Und ob noch Eier im Haus waren. Und wieviel Brot wir eigentlich brauchten. Manchmal aß zwei Wochen lang kein Mensch Brot und es verschimmelte. Oder Nick fiel mit einem Haufen hungriger Berghutzen in unserer Küche ein und sie vernichteten ratzfatz alles Essbare. Ja, sogar die Worcestershiresauce und den tiefgefrorenen Dorsch. Ohne ihn vorher aufzutauen. Es war entweder gar nichts im Haus oder zu viel. Es überraschte mich zudem maßlos, wenn plötzlich kein Toilettenpapier mehr da war.
Aber nach zehn Monaten intensiven Wohnens ist meine Einkaufs-Abteilung sagenhaft in Form. Und das nicht nur bei Lebensmitteln oder Toilettenpapier. Ich weiß exakt, wie lange Waschmittel oder Spülmaschinentabs halten. Ich kenne den Verbrauch von Mülltüten im Monat, nämlich 11. Hätte mich früher jemand danach gefragt, ich hätte ihm hysterisch ins Gesicht gelacht. Ich weiß, ab wann sich Staubflusen im Schlafzimmer bilden: nach sechs Tagen. Das Duschgel reicht für drei Wochen. Ich bin, was haushälterische Gewissenhaftigkeit und Pedanterie betrifft, eine Mischung aus Mary Poppins und Hans-Jochen Vogel.
Was ich allerdings kein bisschen unter Kontrolle habe, ist mein Haarwuchs. Das unterscheidet mich von TV-Moderatoren, deren Haare praktisch überhaupt nicht wachsen. Eigentlich müsste Markus Lanz inzwischen aussehen wie Paul Breitner 1975, er sieht aber aus wie Markus Lanz 2018. Dasselbe Phänomen bei Joko Winterscheid oder bei Claus Kleber. Das kann meines Erachtens nur damit zusammenhängen, dass diese Studio-Scheinwerfer den Haarwuchs stoppen. Anders ist das Phänomen nicht zu erklären, schließlich geht gerade niemand zum Friseur.
Ich habe zuhause keine Studio-Scheinwerfer und daher im Gegensatz zu den Herren im Fernsehen Haarwuchs. Und wie. Bis vorgestern sah ich aus, als wäre auf meinem Kopf ein kanadischer Biber explodiert. Aber dann bekam ich eine Einladung ins Fernsehen. Ich durfte raus! Reisen! Mit Köfferchen! Aber nicht mit dieser Birne, entschied ich und wurde darin von allen Menschen bestärkt, die ich fragte. Was ja auch ein bisschen kränkend ist. Egal. Ich erwog zunächst, während der Sendung einfach einen Zylinder zu tragen, aber man nimmt Menschen mit Zylindern in deutschen Diskussionssendungen nicht richtig ernst. Deshalb gibt es sie dort nicht. Selbstverstümmelung mit der Schere kam nicht infrage, denn ich habe zwei linke Hände und daran nur Daumen. Der Barttrimmer ist für solche Aufgaben nicht geeignet und mit dem Ohrenhaarrasierer hätte es zu lange gedauert. Also heimlich schneiden lassen.
Meine Friseurin teilte auf Nachfrage mit, dass sie für einen illegalen Haarschnitt von den Füsilieren des bayerischen Ministerpräsidenten standrechtlich erschossen würde und das Risiko nicht eingehen wollte. Ich wandte ein, dass der Söder selbst nicht übel frisiert wirkt, genau wie Lauterbach, aber die sind ja auch oft im Fernsehen, das spart den Friseur.
Letztlich engagierte ich Nicks Freundin Sofia. Ich fand das nicht völlig illegal, denn erstens übernachtet sie oft bei uns. Sie ist also quasi Haushalt. Zweitens befindet sie sich im zweiten Lehrjahr, ist also strenggenommen keine Friseurin. Drittens kennt sie sich mit Herrenschnitten noch nicht so aus. Und viertens bekam sie kein Honorar, sondern ein Nudelgericht. Man kann sagen, dass ich sie entschieden besser bekocht als sie mich beschnitten hat. Wahrscheinlich würde ich besser aussehen, wenn ich mir die Nudeln auf den Kopf gelegt hätte.
Aber das ist mir vollkommen egal. Ich darf mal raus. Mit geschnittenen Haaren. Halleluja!