Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.02.2021

719_Die Taxi-Typologie

Was ich leider gar nicht mehr mache: Pubertiertransporte mit dem Auto. Die Zeiten sind wirklich vorbei. Ich dachte daran, weil ich neulich im Taxi saß und mich mit dem Fahrer unterhielt. Das mache ich oft, aber nicht immer. Wenn der Taxifahrer auf Anhieb den Eindruck erweckt, mich mit einem Happs verspeisen oder entführen zu wollen, schweige ich und verfalle in eine Duldungsstarre, bis ich wieder aussteigen darf.
Wenn aber Fahrer oder Fahrerin gefällig auf die Nennung meines Fahrtziels reagieren und eine gewisse Gastfreundschaft erkennen lassen, stelle ich Fragen und bin häufig anschließend klüger oder erheitert. Zum Beispiel erzählte mir einmal ein Bremer Taxifahrer von seiner weitesten Fahrt. Er musste drei Prostituierte von Bremen nach München fahren, von einem Bordell ins Andere. Am Ankunftsort schlug der Bordellier vor, dass der Fahrer sich anstatt eines Trinkgeldes eine der Frauen aussuchen dürfe. Auf meine Frage, ob er das tatsächlich in Anspruch genommen habe, drehte er sich zu mir um und sagte: „Na sicher. Nach zehn Stunden mit denen im Auto war ich ja mürbe.“
Vorgestern fuhr ich also im Taxi und wir unterhielten uns. Der Fahrer fragte mich nach meinem Beruf und sagte dann, er könne auch Bücher schreiben. Über seine Fahrgäste. Es folgte ein Überblick über die wichtigsten Kundengruppen seines Gewerbes. Am liebsten sind ihm demnach die Melancholiker mit den langen Fahrten, weil sie so schön still sind. Sie hauchen die Scheibe an und halten keine politischen Volksreden. Er mag es, wenn sich die Melancholiker mit Angehörigen der Gruppe der Spendablen überschneiden.
Die Spendablen geben gerne viel Trinkgeld, unter ihnen sind aber häufig welche aus der Untergruppe der Anspruchsteller. Die möchten fürs Geld unterhalten werden, da muss man die Musik lauter drehen oder Anekdoten über Promi-Fahrten rausorgeln. Das ginge ja noch. Aber zu den Anspruchstellern gehören auch jene, die zum Gesetzesbruch animieren. Die benehmen sich, als säßen sie auf einem Kutschbock und peitschten vier Pferde aus.
Lieber sind ihm die Fröhlichen und die Seltenfahrer, die sich wahnsinnig auf ihr Fahrtziel freuen. Exakt dieselben Personen verwandeln sich leider auf der Rückfahrt häufig in die betrunken Übergriffigen. Wenn er solche im Gepäck hat, greift der Fahrer oft zu einem Trick, der jeden angetüterten Quatschkopf in stumm vor sich hin gärendes Fallobst verwandelt: Der Fahrer dreht die Heizung hoch – auch die Sitzheizung – worauf sich kuschelige Wärme breitmacht. Innerhalb von Minuten wird das Labern immer leiser, bis der trunkene Gast schließlich einschläft. Vielfach bewährt während des Oktoberfestes, wie mir der Fahrer erläutert, um zu den furchtbaren Kategorien zu kommen.
Da ist zum einen der Angeber, der sich aufführt, als habe er den Fahrer samt Taxi auf dem Sklavenmarkt von Dschidda erworben. Er trägt Berichte aller Fernreisen der vergangenen sechs Jahre vor, erzählt von Sauftouren mit Til Schweiger und ruft seine Freunde an, um ihnen darzulegen, dass er später komme, weil er ein Taxi haben nehmen müssen, denn sein Bentley sei in der Werkstatt. Noch schlimmer ist nur noch der Nörgler, der die Fahrt gleichzeitig am Handy auf Google Maps absolviert, weil er davon ausgeht, dass der Fahrer einen falschen, natürlich kostspieligeren Weg nimmt. Er ist eng verwandt mit dem Ansager, der die ganze Fahrt über lamentiert, dass ein anderer Weg viel kürzer sei. Angeber, Nörgler und Ansager überschneiden sich kaum mit den Spendablen, erzählt mein Fahrer.
Ich finde aber, er kann von Glück sagen, dass er überhaupt etwas für seine Fahrten bekommt. Ich ging nämlich immer leer aus und habe dabei jahrelang genau dieselbe Klientel durch die Gegend gegondelt. Meistens nachts. Ich hatte Melancholiker im Auto und fröhliche Feierbiester aus Nicks Freundeskreis, gerne auch betrunkene Übergriffige, Angeber und Seltenfahrer beiderlei Geschlechts. Geblieben ist mir nur ein Nörgler. Nick mosert an meinem Fahrstil herum, er beklagt sich darüber, dass ich ihn nicht pünktlich abhole oder an der falschen Hausnummer anhalte. Wenn ich Glück habe, bedankt er sich vor dem Aussteigen fürs Fahren. Aber Trinkgeld? Gab’s noch nie.