Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.02.2021

720_Neues vom Nacktmull

Niemals würde ich so weit gehen und meinen Sohn Nick als Nacktmull bezeichnen, denn er ist recht wohlgeraten, was man von einem Nacktmull ja nur sehr bedingt behaupten kann. Nacktmulle sind wahrlich kein Fest fürs Auge. Das ist zumindest unter Nacktmullen aber nicht so schlimm, denn diese Sandgräber unter den Nagetieren sind fast blind und daher vor der Selbsterkenntnis geschützt, nicht viel her zu machen. Was sie aber mit meinem Sohn verbindet ist ihre Form der Kommunikation.
Gerade habe ich gelesen, dass jede Nacktmull-Kolonie einen eigenen Dialekt spricht. Treffen sich also zwei Nacktmulle unter der Erde, erkennen sie sofort, ob sie zum selben Stamm gehören, wenn sie sich begrüßen. Was sie wirklich andauernd tun. Graben und Grüßen, das ist des Nacktmulls unterirdischer Alltag. Da trifft also Nacktmull A auf Nacktmull B und sagt: „Was geht, Digger?“ Wenn Nacktmull B genau dasselbe erwidert, ist alles gut. Falls Nacktmull B hingegen sagt: „Läuft, Alder“, gibt es sofort Backenfutter und Kasalla.
Nick und seine Freunde haben ähnliche Grußgewohnheiten und ich denke, dass sie sich von anderen Freundeskreisen unterscheiden. Jedenfalls nennen sie einander „Bro“. Und nach Auskunft meines Sohnes brauchen sie alle jeden Tag zwei Stunden im Bad. Das gilt auch für Nick, und zwar nicht nur am internationalen Tag der Männerhygiene, den er am letzten Mittwoch mit einer Hingabe feierte, gegen die sich die Eröffnung des Suez-Kanals wie ein protestantischer Stuhlkreis im Sauerland ausnahm.
Während er sich pflegte, saß ich schon im Büro und gab mich meinen finsteren Existenzängsten hin, die im zwölften Monat der Pandemie allmählich Gestalt annehmen. Natürlich stellt sich hier und da die Frage, was man noch tun könnte. Also beruflich. So als Alternative. Ob man noch mal umsattelt. Aber für eine Lehre ist es bei mir zu spät. Es muss etwas sein, wo man nicht ewig studieren muss. Gesundheitsexperte zum Beispiel! Davon gibt es viele, fast so viele wie Nacktmulle, denn Gesundheitsexperten sind enorm gefragt. Das Gute ist, dass es sich dabei genau genommen nicht um einen Beruf handelt, sondern um eine Tätigkeit. Man wird quasi dazu ernannt. Oder man ernennt sich einfach selbst dazu.
Gesundheitsexperte ist demnach so etwas Ähnliches wie Sex-Guru. Dafür gibt es auch keine Gesellenprüfung an der IHK. Die Berufsbezeichnung Sex-Guru würde mir für mich sehr gefallen. Auch wenn ich eigentlich nicht genau weiß, man da eigentlich den ganzen Tag macht. Kann man auch nicht googeln, jedenfalls nicht unter dem Suchbegriff „Tätigkeitsfeld Sex-Guru.“ Es scheint sich dabei um einen sehr frei gestaltbaren Job zu handeln. Möglich, dass da eine Menge Geld zu holen ist, allerdings braucht man Anhänger.
Das hat der Sex-Guru wiederum mit dem Politiker gemein. Auch der ist darauf angewiesen, dass möglichst viele Leute ihn schätzen, manchmal trotz des merkwürdigen Dialekts. Und hier kommt nun endlich Karl Lauterbach ins Spiel, der ähnlich wie ein Nacktmull von der Natur mit einem sehr speziellen Akzent ausgestattet wurde, nämlich einem drehleierartigen rheinisch, wie man es nur zwischen Düren und Aachen spricht und was einem normalerweise bereits in der Eifel zum Verhängnis wird. Kommt man von Düren nach Trier, kann es einem gehen wie einem Nacktmull im falschen Bau. Man wird augenblicklich umgebracht.
Es sei denn, man ist gefragt. Entweder als Sex-Guru oder als, genau: Gesundheitsexperte. Zumindest letzteres trifft auf Karl Lauterbach zu, jedenfalls nach meiner Beobachtung. Gesundheitsexperte scheint auch krisenfester zu sein als Sex-Guru. Außerdem agieren Gesundheitsexperten sattelfest, wenn es um Fragen der Männerhygiene geht. Sie werden vermutlich dazu raten, sich am Tag der männlichen Hygiene auch zwischen den Zehen einzuseifen. Der Zehenzwischenraum ist sozusagen das Saarland des männlichen Körpers: Man kommt nie hin und denkt nie dran.
Was ein Sex-Guru am Tag der Männerhygiene empfiehlt, möchte ich eigentlich nicht wissen. Wenn ich einer wäre, würde ich den verschwenderischen Einsatz von Moschusduft auf der Brustbehaarung vorschlagen. Das mögen die Nacktmullweibchen.