Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.02.2021

721_Gedanken im Gestöber

Das Tief Tristan nervt durch ausdauernde Beschneiung meines Gemüts. Ich gehöre nämlich zu jener zählebigen Minderheit innerhalb der Gesellschaft, die den Winter absolut nicht leiden kann. Ich bin dieser Jahreszeit derart leidenschaftlich abhold, dass ich ihr jeden Morgen die Zunge rausstrecke. Wirklich wahr. Ich öffne den Vorhang, sehe mir die abscheulichen Greueltaten (drunter mache ich es nicht) an, die der Winter über Nacht verübt hat, diesen weißen, eiskalten und total unnützen Schimmelpilz, den er über Dächer, Autos und Straßen gelegt hat und dann strecke ich ihm die Zunge raus und mache „Bäh.“
Nichts hat man vom Schnee. Freuen können sich darüber nur Kinder und Dagobert Duck. Ich erinnere mich an eine Szene aus einem Donald-Duck-Comic, in der der stinkreiche und geizige Onkel Dagobert mit weit geöffnetem Schnabel durch fallende Schneeflocken tobt und dabei frohlockt: „Wisst Ihr, was das Beste ist am Schnee? Er ist kostenlos!“
Das wäre noch schöner, wenn wir dafür bezahlen müssten. Wobei: Müssen wir ja. Diese ganzen Räumkosten. Das bleibt alles auch an mir hängen. Ich finde, für den Schnee sollten nur diejenigen bezahlen, die auch rodeln und Skifahren. Die fahren ja sozusagen auf meinem Rücken Schlitten. Diese Schnee-Schmarotzer. Gut, bitte, diese Meckerei können Sie jetzt kleinlich finden. Oder sogar kindisch. Genau wie das Zunge rausstrecken. Aber erstens bin ich erwachsen und darf deshalb so kindisch sein, wie ich will und zweitens habe ich nichts Besseres vor. Mein Aktionsradius ist nun einmal derzeit sehr eingeschränkt und das verengt die Wahrnehmung auf die Welt. Ich nörgele sozusagen auf kleinem Fuß.
Und seit Tagen habe ich Ärger mit dem Staubsauger. Mein Staubsauger ist der Karl Lauterbach unter den Staubsaugern, denn er warnt ununterbrochen. Vor Beutel-Überfüllung. Dabei ist gar nichts drin. Ich sehe nach, klappe das Ding zu, sauge zwei Meter und er warnt wieder. Es hat Tage gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass ich einen falschen Beutel eingesetzt habe und deshalb geht immer diese Warnanzeige an. Vielleicht könnte man mal bei Karl Lauterbach nachsehen, ob da eventuell auch ein verkehrter Beutel eingebaut wurde. Stopp! Ich nehme den Scherz aus dem letzten Satz sofort inhaltlich und mit Bedauern zurück. Ich habe diesen kleinen Lauterbach-Joke nur gemacht, weil er einfach gemacht werden musste. Im Grunde bin ich mit Karl Lauterbach als lebender Corona-Warn-App sehr zufrieden. Aber Witze muss man auch gegen die eigene politische Überzeugung machen, wenn einem schon mal welche einfallen. Momentan herrscht eine akute Witzknappheit, was man sehr deutlich merkt, wenn man sich aktuelle Karnevalssitzungen im Fernsehen ansieht.
Es ist ein trostloses Humor-Elend, das uns gerade deutlicher als sonst erschüttert, weil in diesem Jahr die Kameraschwenks auf das brüllend lachende Publikum entfallen. Ich habe immer vermutet, dass die Menschen in diesen Sälen mit dem Tode bedroht werden und verzweifelt um ihr Leben lachen. Andererseits: Wir Deutsche gelten weltweit als das humorloseste Volk des Universums und man weiß ja, dass Menschen, die keinen Sinn für Humor haben, häufig am lautesten lachen. Auch aus einer gewissen Verunsicherung heraus.
Wirklich lustig finde ich im Gegensatz zu den Übertragungen von nicht stattfindenden Prunksitzungen das Wort „Privatiersgattin“. Da steckt alles drin. Was für ein herrlicher Beruf. Noch schöner ist nur der Beruf des Ehrenpräsidenten. Uli Hoeneß ist Ehrenpräsident des FC Bayern. Neulich hat er getobt über einen „Skandal ohne Ende.“ Ich hatte erst nur mitbekommen, dass es ihm um die Reise seines Vereins nach Katar ging. Und ich war sehr stolz auf ihn, denn ich dachte, er fände den ganzen Trip skandalös.
Ist er ja auch. Nur der Kohle wegen in einer Diktatur spielen. So wie früher Elton John in Südafrika. Ziemlich schamlos. Aber dann kapierte ich, dass Hoeneß nicht die Reise an sich skandalös fand, sondern den Umstand, dass seine Spieler kurz nach Mitternacht nicht mehr vom Berliner Flughafen starten durften. Vielleicht stimmt beim Hoeneß irgendwas nicht mit dem Rechtsempfinden. Oder er hat einen Witz gemacht, den ich nicht verstanden habe. Naja. Egal. Ich streckte dem Winter die Zunge raus, zog die Vorhänge zu und ging ins Bett.