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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.02.2021

722_Deutsch: Mega oder madig?

Unsere Sprache gilt international als teuflisch kompliziert. Mark Twain wird das Bonmot zugeschrieben, dass nur Tote Deutsch lernen könnten, weil sie die Einzigen seien, die dafür genug Zeit hätten. Das kann schon sein. Nicht einmal die Deutschen beherrschen ihre eigene Sprache und viele von ihnen haben den Gebrauch daher inzwischen stark eingeschränkt, zum Beispiel in der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Das dort am häufigsten verwendete Wort lautet „Mega“ und ersetzt selbst längere Texte.
Entscheidend für den Sinnzusammenhang ist bei „Mega“ nämlich nicht mehr die Einbettung in ganze Sätze, sondern in Mimik. Dabei erscheint wichtig und irritierend, dass derjenige, der in dieser Sendung am häufigsten „Mega“ sagt, überhaupt keine Mimik mehr besitzt. Dieter Bohlen sieht inzwischen aus wie eine geliftete Sultanine mit Toupet.
Das Gegenteil von „Mega“ bildet übrigens ein sehr hübscher Begriff, der oft von Nick und seinen Freunden gebraucht wird. Wenn denen etwas nicht gefällt, wenn was nicht gut läuft, schlecht aussieht oder nicht schmeckt, dann nennen sie es: Madig. Das mag ich gern, weil es ein uraltes Wort ist und so schön bildhaft. Madig finde ich mega.
Jedenfalls ist Deutsch ziemlich schwer. Damit meine ich nicht die Merkwürdigkeit, dass der Bayer „der Butter“ sagt, wenn er die Butter meint. Oder dass der Hamburger gerne denglisht, dass er „etwas nicht erinnert“ und sich dabei nicht daran erinnert, dass „erinnern“ ein reflexives Verb ist und daher ein Reflexivpronomen erfordert, in diesem Falle „sich“. Das kann man aber als regionale Schrulle beiseitelegen. Das gibt es anderswo auch. Wirklich kompliziert wird es bei unserer Grammatik. Einmal erklärte mir ein italienischer Freund, man müsse in Gesprächen mit den Deutschen immer so nervtötend viel Geduld haben, weil bei uns das entscheidende Verb immer erst am Schluss komme.
Das stimmt: Der Satz „Ich wollte Dich eigentlich schon immer von ganzem Herzen mal so richtig“ entfaltet seine Wirkung erst ganz zum Schluss, denn dann endet der Satz mit einem Verb. Aber mit welchem, liebe Fremdsprachler? Tja, da muss man schon bis zum Ende dranbleiben. Deutsch ist die Sprache des eleganten dramaturgischen Cliffhangers. In diesem Falle entscheide ich mich für: „einladen“. Ich könnte aber auch „verprügeln“ sagen. Diese für den Fortgang der Konversation nicht ganz unwichtige Information erhält man in anderen Sprachen ziemlich am Anfang eines Satzes und kann schon einmal wahlweise lächeln oder die Beine in die Hand nehmen.
Dann natürlich die Artikel. Nicht nur, dass es drei sind. Es sind dann auch für die gleichen Substantive nicht verlässlich genau dieselben wie beispielsweise in den französischen Wortentsprechungen. Bei den Franzosen ist der Mond weiblich und die Sonne männlich. Gut, auch nicht verrückter als der Butter aus Berchtesgaden. Aber kaum zu lernen, nicht einmal für Holländer, denn selbst die haben in ihrer mit uns verwandten Sprache für manche Dinge andere Artikel. Es ist auch unmöglich, einem Italiener zu erklären, dass „das Mädchen“ sächlich ist, wo Mädchen doch sowas von eindeutig und glücklicherweise weiblich sind. Und wenn er das endlich mühsam gerafft hat, muss er außerdem noch kapieren, dass es in der Mehrzahl „die Mädchen“ heißt, was aber keineswegs bedeutet, dass diese nun plötzlich weiblich wären. Was sie von Natur aus natürlich sind, aber nicht grammatikalisch, auch nicht, wenn sie zu zweit sind. Der Artikel für mehrere Mädchen lautet bloß die, was aber mit dem Geschlecht nichts zu tun hat. Ach. Es ist zum Verzweifeln. Italiener schauen immer ganz mitleidig, wenn wir Deutsche es uns mit den einfachsten Dingen so schwer machen.
Dabei ist Deutsch in Wahrheit eine wundervoll bildhafte, einzigartig kreative Sprache. Nirgends auf der Welt gibt es so schöne Wortkompositionen wie bei uns. Man kann sie einfach nach Bedarf zusammenstecken und erhält zauberhafte Ergebnisse. Zum Beispiel Knorpelregister. Oder Besteckmulde. Oder Schlitzstapler. Oder Pfirsichnoppe. Eines dieser vier Wörter habe ich mir übrigens nicht ausgedacht. Eines gibt es wirklich. Ich sage aber nicht, welches. Es ist jedenfalls mega.