Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.03.2021

723_Rettung in höchster Not

Es war so weit, ich wollte letzte Woche zum ersten Mal, dass Nick auszieht. Es war ein harter Moment, denn im Grunde mag ich ihn, er ist ja auch mein Sohn. Er hat Talente, er ist charmant und meistens benimmt er sich wie eine Mischung aus dem kleinen Lord und Elliott, dem Schmunzelmonster. Dennoch war ich der Ansicht, wir sollten mal eine größere Distanz zwischen uns legen. Einer von uns musste nach Krasnodar ziehen. Oder wenigstens nach Fürstenfeldbruck, was so ähnlich ist, bloß ohne Schwarzmeerkosaken.
Wahrscheinlich lag es einfach an mir. Bestimmt sogar. Aber meine Mehrfachfunktion als Hausmeister, Haushaltsvorstand, Schulwächter und Regierungsvertreter hat mich dazu gebracht. Alle vier Aufgaben erfordern Disziplin und ständige Anwesenheit. Nur so ist zu gewährleisten, dass Nick das Altpapier runterbringt, nicht den ganzen gekochten Schinken innerhalb einer Viertelstunde vertilgt, morgens zu Unterrichtsbeginn vor dem Rechner sitzt und sich nicht an nächtlichen Zusammenrottungen jugendlicher Feierbiester beteiligt.
Das ist viel verlangt, zumal ich selber inzwischen von einer gewissen Schluffigkeit bin. Natürlich halte ich mich an alle Regeln, aber das ist es ja. Es führt zu einer gewissen Isolation, die ich im Wesentlichen damit verbringe, die Isolation meines Kindes zu gewährleisten, um der Menschheit und insbesondere dem bayerischen Ministerpräsidenten ein Wohlgefallen zu sein. Das treibt mich in den Wahnsinn. Diese ganze Vernunft seit Monaten. Und dann auch noch, ohne die CSU zu wählen. Es ist hoffnungslos. Ich trage inzwischen einen mich noch weiter isolierenden Verzweiflungsbart und sehe damit aus wie der UNA-Bomber.
Aber bis letzte Woche hielt ich eisern durch, was meine Aufgaben anging. Ich weckte Nick jeden Tag und sorgte mit massiven Drohungen dafür, dass er wenigstens in gerader Haltung im Bett saß, wenn die morgendliche Zoom-Runde seiner Schule den Betrieb aufnahm. Einmal schaute ich heimlich von der Seite in seinen Laptop und stellte fest, dass die ganze Klasse im Bett lag. Den Lehrer konnte ich nicht sehen, aber das muss wirklich deprimierend sein, wenn man die Zukunft der Gesellschaft so vor sich hat. Eine halbe Stunde später brachte ich einen Milchkaffee. Nick schlief tief und fest. Er hatte, wie der Großteil der Mannschaft, seine Kamera abgeschaltet und war über das gleichmäßige Gemurmel eingenickt. Ich weckte ihn abermals und hielt ein Kurzreferat über die sehr vagen Chancen, das Abitur im Bett zu absolvieren. Eine weitere Stunde später störte ich ihn in der Pause, die er dazu nutzte, seine Skills an der Playstation zu verbessern. Er teilte mir mit, dass er eine Karriere im Bereich E-Sports anstrebe. Dafür brauche man nur stabiles Internet, aber kein Abitur.
Gegen Mittag tauchte er geisterhaft in meinem Büro auf und fragte, was in Punkto Mittagessen geplant sei. Wir einigten uns darauf, dass er mit dem Kochen dran sei und er schlug vor, Rahmspinat mit Spiegelei zu machen. Das ist eine Mahlzeit, die es ihm ermöglicht, während der Zubereitung einen großen Teil seiner Hausaufgaben zu googeln. Nach dem Essen legte er sich wieder hin, dann war wieder Zoom-Konferenz und gegen vierzehn Uhr entschloss er sich, ein kleines Nickerchen zu machen.
Mein Sohn ist zu einer Kegelrobbe mutiert. Kein Wunder: Es gibt keinen Schulsport, das Skifahren ist ausgefallen, ebenso das Vereinstraining. Es existieren keinerlei körperlichen Widerstände mehr, er und seine Freunde müssen sich nicht anstrengen, eigentlich dürfen sie es gar nicht. Jedenfalls nicht draußen. Aber bei allem Verständnis für diese Lethargie, die ich ja teile, platzte es neulich aus mir heraus. Ich verwandelte mich urplötzlich in den Drill Sergeant aus dem Film „Full Metal Jacket“, zumal ich unter seinem Bett eine nicht zu zählende Menge von leeren Chipstüten und Schokopudding-Bechern fand. Er wollte sie dort horten, für den Fall, dass sie mal wertvoll werden und dann damit zu „Bares für Rares“ gehen.
Und dann geschah ein Wunder: Vogelgezwitscher. Ich schob die Gardinen beiseite und es war Frühling. Nick sprang auf, griff sein Telefon und verabredete sich mit seinen besten Freunden. Dann schnappte er sich sein Skateboard und eine Flasche Bier und stürzte aus der Wohnung. Ich konnte ihn nicht aufhalten. Und ich wollte auch nicht. Tut mir leid.