Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.03.2021

724_Carla, die Witz-Polizei

Meine debattierfreudige Tochter Carla kommt manchmal zu Besuch und wenn uns nichts Besseres einfällt, fangen wir an zu streiten. Also eigentlich immer. An mir liegt es nicht, sondern an meiner schieren Existenz als alter weißer Mann. Oder an meiner Eigenschaft als Vater. Ich könnte auch ganz anders sein als ich bin, sie würde mich trotzdem kritisieren.
Neulich ging es zunächst einmal um meinen angeblich vergammelten Miré. Das ist so ein Frischkäse, den ich manchmal kaufe, obwohl er in einem nicht nachhaltigen Plastikbecher verkauft wird. Mein Argument dafür: Ich behalte das Zeug so lange, dass es praktisch nie in den Müll kommt und damit die Umwelt auch nicht verschmutzt. Manchmal habe ich sogar zwei Sorten. Das ist gut für die Natur. Carla ließ das nicht gelten und es stimmt ja auch gar nicht. Irgendwann fängt das Zeug an zu schimmeln und dann muss es gehen.
Carla fragte, wie alt der Miré sei. Sie nahm den Deckel ab und der Frischkäse war nicht verschimmelt. Das bedeutet, dass er noch gut ist. Oder? Wir debattierten endlos über die Frage, ob so ein Frischkäse erst dann schlecht ist, wenn er auch schimmelt oder schimmelt, weil er vorher bereits schlecht ist. Das verunsichert mich enorm. Und es stellt den Miré quasi vom zweiten Tag an unter Generalverdacht. Carla sagte, dass man so etwas ohnehin nicht kaufe, aber ihr Vater habe ja kein Gewissen. Wir setzten uns an den Tisch und erzählten, was uns so in der vergangenen Woche widerfahren ist. Ich habe meistens nur langweilige Sachen zu berichten. Der Papierladen mit der eingebauten Poststelle hat neue Betreiber. Offenbar Türken. Ich erzählte ihr von dem Gespräch, das ich mit ihnen führte. Ich habe dabei einen kleinen Scherz gemacht. Den fand sie krass ausländerfeindlich.
Da gab es Streit. Ich finde nämlich, mein Witz war in Ordnung. Es ist nicht immer gleich alles ausländerfeindlich oder rassistisch, bloß weil es ein Stereotyp bedient. Natürlich hat sich die Gesellschaft dahingehend sensibilisiert, dass manche Dinge zum Glück nicht mehr gehen. Zum Beispiel folgendee Szene aus der Serie „Die Zwei“ mit Roger Moore und Tony Curtis. Da bereitet der eine dem anderen einen Kaffee zu und fragt, ob er Zucker zu seinem Espresso wolle. Und der antwortet: „Das macht den Negerschweiß auch nicht besser.“
Anfang der siebziger Jahre fand man das ulkig. Heute würde jeder Verantwortliche gefeuert, der so etwas durchgehen ließe. Und das wäre auch richtig so. Etwa zur selben Zeit, 1973, schlägt Rita ihrem Vater Alfred Tetzlaff in der ersten Folge von „Ein Herz und eine Seele“ vor, man könne doch mal zur Abwechslung Pizza essen, was Ekel Alfred brüsk zurückweist mit dem Hinweis, er esse keine Mafiatorte. Diesen Witz kann man meines Erachtens heute noch bringen. Mafiatorte anstatt Pizza klingt lustig und es diffamiert nicht ein ganzes Volk, sondern spielt bloß mit einem Klischee. Carla und ihr Freundeskreis können über sowas gar nicht lachen. Sie nehmen es wirklich sehr genau. Mit Allem . Es ist rasend anstrengend.
Sie kennen zum Beispiel auch nicht den Unterschied zwischen einem Judenwitz und dem jüdischen Witz. Ersteres ist geschmacklos, das zweite hinreißend. Um diese These zu unterstreichen, erzählte ich Carla folgenden Witz: Zwei Rabbiner fahren mit dem Zug zu einem wichtigen Kongress. Der eine Rabbi hat seine Frau dabei, die stundenlang schweigend neben ihm sitzt. Fragt sein Kollege: Sag mal, warum hast Du Deine Frau mitgenommen. Sagt der andere: Ich hab’s einfach nicht geschafft, dem Menuwel einen Abschiedskuss zu geben.
Ein Menuwel ist so etwas wie ein Scheusal. Jedenfalls ein erstklassiger Scherz. Fand Carla gar nicht. Erstens, weil man über Juden keine Witze mache. Und zweitens sei die Geschichte frauenfeindlich. Ich wehrte mich schwach und sagte, um das zu beurteilen müsse man die Frau des Rabbis kennen. Aber Carla nahm ihre Jacke und ging.
Und was habe ich zu dem Mann in der Post gesagt, worüber sie sich so aufgeregt hat? Ich fragte ihn, was sie vorher gemacht haben und er sagte, dass sie einen Dönerladen hatten. Darauf ich: Gut, dann nehme ich zehn Briefmarken à achtzig Cent, ohne scharf mit viel Zwiebeln. War das ausländerfeindlich? Oder einfach nur lustig? Keine Ahnung, aber die drei Jungs hinter der Theke haben sich kaputtgelacht. Ich finde, das zählt.