Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.03.2021

725_Vom Kummer des Adels

Die erheblichen Wellen, die das Fernseh-Interview von Meghan und Harry aufgeworfen hat, wollen sich gar nicht mehr glätten. Man könnte beinahe meinen, es sei irgendetwas wirklich Wichtiges geschehen. Dabei handelte es sich ja doch nur um völlig normale Klagen, die man von Söhnen und Schwiegertöchtern auf der ganzen Welt und seit Jahrhunderten kennt.
Womit keinesfalls gesagt werden soll, dass Angehörige des Hochadels kein Recht auf Kummer hätten. Wer ihnen das mit Hinweis auf ihr unfassbar privilegiertes Leben abspricht, handelt kleinlich und hartherzig. Ein Adliger kann und darf wie jeder andere Mensch auch Hühneraugen, Rostflecken und einen blöden Schwiegervater haben. Er wird bloß normalerweise nicht darüber jammern. Das schickt sich nicht. Niemals verliert man die Contenance, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.
Und weil vom Adel üblicherweise keine Gegenwehr zu erwarten ist, kann der Pöbel ohne Hemmung lästern und ungestraft blöde Witze reißen. Zum Beispiel den hier: Unterhalten sich ein Pudel und ein Mops. Sagt der Pudel: „Ich bin adlig. Mein Name ist Gunther von der Löwenburg.“ Sagt der Mops: „Ich bin auch adlig. Ich heiße Runter von der Couch.“ Niemals wird man erleben, dass nun ein Adliger an die Zeitung schreibt und sich beschwert, weil Menschen mit Prädikat häufiger albernem Spott ausgesetzt sind als beispielsweise Chemie-Laboranten oder Tierpflegerinnen.
Im Hause Windsor haben sie es ganz besonders schwer, weil bei ihnen immer ganz genau hingesehen wird. Schon die hochgezogene Augenbraue einer Herzogin kann für Schlagzeilen und wildeste Interpretationen sorgen. Und wenn man mal fröhlich mit Hakenkreuzbinde am Arm zum Saufen geht, wie Prinz Harry, muss man sich hinterher vor dem internationalen Plebs dafür rechtfertigen. Das ist sehr ungerecht. In Sachsen machen das sogar Deppen ganz ohne Stammbaum – und kein Mensch spricht groß darüber.
Die britische Königsfamilie wird auch in anderer Hinsicht stark benachteiligt. Zwar bekommen die Windsors immer einen Parkplatz, wenn sie nach Ascot zum Pferderennen möchten, aber wenn sie familiäre Probleme haben, stehen sie viel schlechter da als eine ebenso zerstrittene, jedoch bürgerliche Familie aus, sagen wir mal, Oberasbach. Letztere kann in Konfliktfällen sofort diskret eine Mediatorin aufsuchen, um Lösungen zu erörtern.
Dieser übliche Weg scheint dem Hause Windsor versperrt zu sein, weil das ja gar nicht geht, ohne dass die Weltöffentlichkeit davon sofort erfährt. Wobei der Gedanke schon sehr hübsche Bilder erzeugt. Die englische Königsfamilie sitzt in einem Stuhlkreis bei der Mediatorin in Oberasbach, die Herren natürlich alle in Parade-Uniform, um die Ernsthaftigkeit des Anliegens auch optisch zu unterstreichen. Und dann bekommt Elisabeth II., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Länder und Gebiete, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens von der Mediatorin Heidi Bömmel aus Oberasbach das Redehölzchen überreicht und niemand darf sie unterbrechen. Am Ende werden Papiertaschentücher verteilt und Meghan kriegt von allen eine Umarmung, auch vom Schwiegerpapa, der darüber hinaus gelobt, dass er ab sofort wieder ans Telefon geht, wenn Harry ihn anruft. Wie gesagt: Hübsche Idee, aber nicht sehr wahrscheinlich.
Es ist übrigens keineswegs so, dass die breite Mehrheit der Briten in der Angelegenheit hinter Harry und seiner Meghan stünde. Meine Friseurin zum Beispiel ist ganz eindeutig auf Seiten der Queen. Sie ist Britin und würde die Loyalität zu ihrer Königin niemals in Frage stellen. Am Ende gilt es immer, die Monarchin zu schützen und zu stützen. Als ich am Dienstag mit ihr über den Fall sprach, äußerte sie daher höchsten Unmut über das unangemessene Betragen von Prinz Harry und Meghan. Als ich vorsichtig anmerkte, dass Harry doch wohl ein Recht darauf habe, seine Meinung zu sagen, ließ meine Friseurin die Schere sinken und sagte mit der größten Verachtung, zu der eine stolze königstreue Britin überhaupt nur fähig sein kann: “Harry? Pff. He is the son of a jockey.”