Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.03.2021

726_Meckerverzicht für Merkel

Erst nölen die Leute, weil sie noch nicht mit der Impfung dran sind und dann ist ihnen der Impfstoff nicht gut genug. Dabei brauchen große Teile unserer Bevölkerung gar keinen, weil sie jede Form von Chemie bereits mit der Nahrung zu sich nehmen, vor lauter Junk-Food im Dunkeln leuchten und wahrscheinlich längst gegen alles immun sind, besonders gegen Vernunft. Aber Hauptsache nörgeln. Das ist echt ein Volkssport geworden.
Auch bei mir zuhause. Mein Sohn Nick ist eine Art Ein-Mann-Verbraucherschutz-Organisation und beklagt sich ununterbrochen, leider am liebsten bei mir. Zum Beispiel fordert er plötzlich Bananenjoghurt. Dabei habe ich gerade erst tonnenweise Kirschjoghurt rangeschafft, auf sein Geheiß natürlich. Und jetzt beklagt er sich darüber, weil er erst Kirsch vertilgen muss, bevor es Banane gibt. Er findet daher, ich sei ein Diktator.
Der Junge ist ein Spiegel der Gesellschaft. Ob in meinem Zuhause, beim Einkaufen oder in den Medien. Nur Gemecker. Es macht mich müde. Und ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Wenn damals in der Schule unsere Aufmerksamkeit nachließ und wir als Schüler gegen Mittag nur noch Unsinn verzapften, sagte der Mathelehrer manchmal in einer Mischung aus Zorn und Erschöpfung: „Leute, für mich ist es auch die sechste Stunde.“ Und ich finde: Ganz genauso guckt unsere Kanzlerin. Als wollte sie sahen: „Leute, für mich ist es auch das sechzehnte Jahr.“ Als ich sie am Montag im Fernsehen sah, tat sie mir richtig leid und ich nahm mir daher aus lauter Solidarität und aus staatsbürgerlichem Pflichtgefühl vor, vier Tage lang mit gutem Beispiel voran zu gehen und mal überhaupt nicht zu meckern.
Am Dienstag riss ich mich zusammen und beschwerte mich nicht über das Fernseh-Programm. An jenem Tag liefen auf den frei empfangbaren Kanälen genau 62 Krimis mit durchschnittlich 2,4 Todesopfern. Im Jahr macht das 22 630 Krimis mit 54 312 Toten. Ich mag zu einer unbedeutenden Minderheit gehören, aber ich sehe lieber gute Filme als diesen langweiligen Leichen-Tsunami, der täglich von der Nordseeküste bis nach Rosenheim schwappt. Aber Filme gibt es kaum noch. Am Dienstag kamen in allen fünfzig Programmen genau zwei gute. Einer von 1969 und einer von 1992. Leider kannte ich beide.
Am Mittwoch meckerte ich ausnahmsweise nicht darüber, dass es keine schönen Autos mehr gibt. 95 Prozent aller Neuwagen sind übergestaltete Scheußlichkeiten, die aussehen wie fahrende Zitruspressen. Ich befand mich auf dem Weg zur Werkstatt. Am Sitz meines Autos war so ein Deckel abgegangen. Wenn man draufdrückt, bekommt man von irgendeinem Geist ein Kissen in den Steiß geschoben. Ich benutze diesen Knopf nie, aber seine Abdeckung war weg. Das macht 180 Euro. Ich beschwerte mich nicht und freute mich stattdessen darüber, dass die Autoindustrie auf diese Weise Wege aus der Krise findet.
Am Donnerstag regte ich mich nicht darüber auf, dass mein Internet so langsam ist. Ich finde, wir sollten froh sein, dass nicht jemand mit der Handkurbel kommen muss, um im Keller das Internet anzuwerfen. Immerhin haben alle Regierungen seit Helmut Kohl den Wettbewerb in der Telekommunikation und damit die Digitalisierung dieses Landes konsequent verhindert. Und dafür stehen wir super da. Mein Faxgerät schafft bis zu sechs Seiten in der Minute. Hallo? Als mein Großvater so alt war wie ich, gab es überhaupt noch kein Fax.
Am Freitag wehrte ich mich nicht, als mich eine Frau anschrie, weil ich den Mindestabstand an der Supermarktkasse nicht einhielt. Ich war in Gedanken und hatte tatsächlich nicht darauf geachtet. Ich entschuldigte mich, aber sie zeterte weiter. Und immer weiter. Sie hörte gar nicht mehr auf. Aber ich war am vierten Tag meines Meckerverzichts derart milde und erholt, dass ich ihr dummes Geplapper einfach durchregnen ließ und lächelte. Mahatma Ghandi war gegen mich ein sauerländischer Mofarocker.
Abends sah ich meine Kanzlerin wieder im Fernsehen. Sie sah immer noch müde und abgespannt aus. Aber sie kann sich jetzt darüber freuen, dass wenigstens ein Bundesbürger von achtzig Millionen mal für vier Tage rein gar nichts zu meckern hatte.