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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.03.2021

727_Wohin mit Wicky

Ein sehr wesentlicher Grund für den Erfolg von Streaming-Diensten besteht darin, dass in deren Programmangebot niemals die Begriffe „Corona“ und „Impfstoff“ fallen. Netflix, Amazon Prime, Disney Plus und Co sind die einzigen medialen Aufenthaltsorte, an denen man nicht von der Realität belästigt wird. Ich bin dafür dankbar und hoffe, dass das auch so bleibt. Wer möchte schon bezahlen und dann lauter Masken sehen, außer vielleicht in „Haus des Geldes“? Und niemand kann wollen, dass Familienoberhaupt Jay Pritchett in „Modern Family“ gegen Covid-19 geimpft wird. Die einzige Serie von Rang, die etwas mit einer Pandemie zu tun haben darf, ist „The Walking Dead“. Und die läuft schon seit zehn Jahren.
Die Bezahlsender im Internet tun so, als wäre nichts und das ist durchaus erholsam. Aber was ist mit all den anderen Kanälen? Bei der momentan mental labilen Verfassung unserer Volksseele und angesichts der sich immer weiter zuspitzenden Diskussionen in unserer Gesellschaft ist es nur eine Frage der Zeit, bis sämtliche heiklen Diskurse von den Talkshows rüber in die TV-Filme schwappen. Das betrifft nicht nur Corona, schließlich regen wir uns auch über andere Themen wahnsinnig auf und auch diese können langfristig nicht mehr ausgeblendet werden: Die deutsche Familienserie gehört ordentlich durch gegendert. Man wird bei den Produktionen zudem darauf achten, dass die Figuren der Handlung sich vegan ernähren, dass sie klimaneutral reisen und den Müll trennen. Auch die Bösen.
So wird es kommen. Doch was machen wir mit den vielen alten Serien, die immer mal wiederholt werden? Wegschmeißen? Das wäre schade. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie umgeschnitten, gekürzt oder am Rechner bearbeitet werden, um den Ansprüchen einer sich wandelnden Gesellschaft zu genügen. Sie zu lassen wie sie sind, geht jedenfalls nicht. Schließlich haben diese alten Programme dazu geführt, dass ich heute ein alter weißer CIS-Mann mit heteronormativer Neigung bin. Wenn man künftige Generationen davor bewahren will, muss man sich das Bildmaterial von damals noch einmal ganz genau ansehen.
Zum Beispiel „Der rosarote Panther“. Dort tauchte regelmäßig ein blaues Erdferkel auf, das einer Ameise namens Charlie auflauerte, um sie zu essen, aber immer den Kürzeren zog. Das blöde Erdferkel war an und für sich geschlechtslos, hieß aber: Elise. Bei der fälligen Neusynchronisation sollte darauf geachtet werden, dass das unterkomplexe Tätertier von einem Mann gesprochen wird und die Ameise von einer Frau. Es heißt schließlich die Ameise und nicht der Ameise. Dann: „Manni, der Libero.“ Klar. Manni. Warum nicht Fraui? Als ob Mädchen nicht Fußball spielen würden. Auch hier könnte man wesentliche Änderungen über eine Neusynchronisation herbeiführen, in der Thomas Ohrner von einem fünfzehnjährigen Mädchen gesprochen wird.
Wesentlich heikler, was das Ausgangsmaterial betrifft, dürfte „Catweazle“ sein. Vor fünfzig Jahren hat man darin die Geschichte eines Hexenmeisters aus dem 11. Jahrhundert gesehen, der versehentlich im England der siebziger Jahre landet, sich mit einem Jungen namens Harold anfreundet und lustige Abenteuer erlebt. Man könnte dies nach aktueller Lesart aber auch ganz anders beurteilen: Ein illegal eingewanderter ungepflegter alter weißer Sack kocht Drogen und macht sich an einen Minderjährigen heran. Hier ist es vermutlich mit einer Überarbeitung nicht getan: „Catweazle“ darf nie mehr wiederholt werden.
Und wo ist bitte bei „Magnum“ der Klimaschutz? Tom Selleck fährt Ferrari. Daran soll sich die Jugend kein Beispiel nehmen. Oder Lee Majors, ein „Colt für alle Fälle“. Muss es da unbedingt ein 6,2 Liter-V8 Diesel sein? Kann man seine Fälle nicht genauso gut in einem VW up lösen? In beiden Serien sollten die Dreckschleudern per Computer ausgetauscht werden.
Bleibt schließlich noch Wicky. Seit Jahren wird darüber gerätselt, ob diese Trickfilmfigur ein Junge oder ein Mädchen ist. Das Röckchen und die Frisur sprechen dafür, dass es sich um ein Mädchen handelt. Allerdings wird Wicky vom Vater Halvar öfter als sein Sohn bezeichnet. Was nun? Hier bietet sich eine sehr moderne Deutung an, derzufolge Wicky vermutlich ganz