Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.04.2021

728_Österlich knattern und basteln

Osterzeit ist Bastelzeit. Und noch nie hatte man dafür mehr Muße als in diesem Jahr. Man ist gerade allgemein viel zuhause. Also kann man ruhig mal wieder im heiteren Familienverbund basteln. Besonders an den Ostertagen. Es gibt ja, wenn man mal ehrlich ist, nichts Langweiligeres als diese stillen Feiertage. Da ist Abwechslung gefragt.
Und nicht jeder besitzt eine Harley Davidson, um die beinahe apathische österliche Ruhe effizient zu vertreiben. Wobei: In unserem Viertel fahren erstaunlich viele von den Dingern herum. Man wundert sich immer, weil die Zielgruppe für laute Motorräder ja angeblich so alt ist. So viele, wie bei uns unterwegs sind, dürfte es demnach gar nicht geben. Aber bei mir vor der Haustür stehen die ab Ende März bei jeder Rotphase an der Ampel. Gut. Vielleicht sind es in Wahrheit bloß vier steinalte Zahnärzte, die mit Erlaubnis ihrer Pflegerinnen den ganzen Tag bei uns um den Block tuckern. So genau habe ich nicht hingeguckt. Eigentlich gucke ich überhaupt nicht. Ich höre die immer nur. Blubber blubbber, knatter knatter.
Wenn man sich mit Harley-Fahrern unterhält, verwenden sie im Zusammenhang mit ihrem Hobby immer den Kampfbegriff „Freiheit“. Die sie sich nicht nehmen lassen wollen. Harley-Fahrer sind echt riesige Freiheitskämpfer, wenn auch nur für ihre eigene Freiheit. Die Freiheit der Anderen ist ihnen lattenhagen. Wenn bei uns einer von denen an der Ampel steht, wackelt in allen vier Häusern an der Kreuzung der Kitt in den Fenstern. Ungefähr fünfzig Nachbarn zittern dann in ihren Wohnungen wie Götterspeise, weil der Harley-Onkel seine Freiheit genießt. Ich hätte gerne im Gegenzug die Freiheit, denen jedes Mal den Bart lang zu ziehen, wenn sie an der Ampel stehen und am Gas herumspielen.
Aber zurück zum Basteln an Ostern. Ich habe meinem Sohn vorgeschlagen, dass wir dieses Jahr einmal einen Themenbasteltag absolvieren. Man kann auf diese Weise die missliche Corona-Lage spielerisch ins Osterfest integrieren. Und man beteiligt sich aktiv am Naturschutz, indem man zum Beispiel ausnahmsweise auf den Kauf von Palmkätzchen verzichtet und einen Strauß Teststäbchen in ein Senfglas stellt. Wer möchte, kann die flauschigen Spitzen der Stäbchen bunt anmalen oder österlich einfärben. So ein Testkätzchen hält lange und kein Strauch muss dafür amputiert werden. Ähnlich effizient lässt sich mit gebrauchten Masken umgehen. In Wasserfarben eingelegte FFP2-Modelle lassen sich spielend leicht zu einem österlichen Mobile umgestalten. Mit ein wenig Geschick wird aus den dekorativ aufgehängten bunten Masken auch noch ein pfiffiges Eierversteck.
Auch für familiären Spielspaß an den Ostertagen ist gesorgt. Ich garantiere heitere Nachmittage mit meinem Karl-Lauterbach-Memory. Und so einfach geht’s: Suchen sie zunächst im Internet nach 16 unterschiedlichen Photos des beliebten Talkshow-Titans. Drucken sie diese je zwei Mal aus. Dann bekleben sie die Karten ihres alten Memory-Spiels mit den 32 Lauterbachs. Viel Spaß beim Spielen, es ist gar nicht so leicht wie man erst denkt.
Ich fand meine Bastelideen großartig, aber ich konnte meinen Sohn damit nicht an den Esstisch locken. Er ist volljährig und bastelt nicht mehr mit seinem Papa. Außerdem haben er und seine Freunde ein ganz anderes kreatives Terrain entdeckt, um die Ödnis des Corona-Alltags zu füllen. Sie tätowieren sich gegenseitig.
Entsprechende Maschinen sind günstig, was dazu führt, dass die Hälfte der jungen Erwachsenen zwischen zwanzig und dreißig Jahren tätowiert ist. Was die Motive betrifft, denken sie nicht sehr weit, aber österliche Motive scheinen nicht gefragt zu sein. Niemand aus Nicks Clique trägt einen Hasen oder ein Ei. Nicks neueste Errungenschaft ist eine Pistole, die ihm sein Freund Finn auf die Wade getackert hat. Nick zeigte mir sein Sig-Sauer-Bein und ich war einigermaßen entsetzt, auch weil ich Pazifist bin. Ich mag nicht einmal Bilder von Waffen, erst recht nicht auf der Haut meines Sohnes. Dieser erklärte seinen Körper zur vaterfreien Zone und behauptete, es handele sich um einen Ausdruck seiner Freiheit. Zum Glück ist er noch ungefähr fünfzig Jahre zu jung für die Anschaffung einer Harley. Ich bin dann weg. Dann kann er von mir aus den ganzen Tag an der Ampel herumblubbern.