Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.04.2021

729_Frühlings-Verbitterung

Zu einem erwachsenen Leben gehört es, mit Enttäuschungen angemessen umzugehen. Wer das kann, beweist Vernunft, macht einen weisen Eindruck und gibt Anlass zu Bewunderung. Leider begegnen einem immer öfter Menschen, die zwar deutlich über die Volljährigkeit hinaus sind, sich jedoch trotzdem benehmen, als stünden sie weit vor der Einschulung.
Manche Dullis sind zum Beispiel völlig fertig mit den Nerven, geradezu verbittert, wenn sie mal irgendwo warten müssen, bis sie an der Reihe sind. So haben sie sich ihre Existenz auf Erden nicht vorgestellt. Erst wird man geboren, macht Abitur und heiratet, um dann vor der Weinhandlung warten zu müssen. Da steht also echt einer hinter mir und jammert in sein Handy: „Jetzt muss ich auch noch für den Sancerre anstehen. Alles wegen dieses Drecks-Virus.“ Probleme auf diesem Niveau machen mich immer ganz wehrlos vor Rührung. Ich will diesen Mann am liebsten umarmen und hemmungslos abküssen, weil ich mich so dafür freue, dass er in diesen schweren Zeiten lediglich für den Sancerre anstehen muss, nicht aber beispielsweise für ein Beatmungsgerät.
Das ist natürlich ungerecht. Man weiß ja gar nicht, ob der Mann nicht in Wahrheit der wichtigste Impfforscher der Welt ist und von seiner Frau dazu gezwungen wurde, eine Flasche Sancerre zu kaufen. Eigentlich hätte er wirklich etwas Besseres zu tun. Da muss man fair bleiben und nicht von sich auf andere schließen.
Mein Niveau von Enttäuschung bewegt sich nämlich meistens auf einem sehr niedrigen Level. Die schlimmsten Nackenschläge erlebe ich bei kleinen Alltags-Enttäuschungen. Wenn ich zum Beispiel erwartungsfroh eine Avocado öffne. Das ist oft, sehr oft, eine enorm frustrierende Erfahrung. Es ist als öffnete man nach jahrzehntelanger Suche einen ägyptischen Sarkophag, und dann ist kein Goldschatz drin, sondern bloß eine muffige, vergammelte Mumie. Die Avocado. Von außen blitzblank, aber innerlich total verkorkst. Das kennt man sonst nur von der FDP.
Man muss sich in solchen Fällen einfach zusammenreißen und Contenance bewahren. Cool bleiben. Nicht immer gleich losheulen. Man könnte sich in diesem Zusammenhang ein wenig an der älteren Dame aus dem Nachbarhaus orientieren. Die ist ein bisschen schwerhörig. Neulich sagte sie, dass der Hausarzt sie mit seiner Diagnose etwas enttäuscht habe. Der Mann habe studiert und trotzdem keine Ahnung. Sie war dort, weil ihr linker Fuß juckte. Und dann sagte sie schulterzuckend: „Der hat koa Ahnung. Der hat gsagt, I hab Eckzähne an die Fiaß.“
Einfach nicht darüber nachdenken, das ist auf jeden Fall ein gutes Mittel, wenn einem etwas richtig aufs Gemüt schlägt. Das ist aber nicht immer einfach. Beim Wetter zum Beispiel. Dieser Schnee im April macht mich völlig fertig. Das ist ein Beweis für meine These, dass der Winter im Gegensatz zum Sommer eine überbewertete Jahreszeit ist. Es ist ja so: Wenn es im Oktober noch einmal so richtig warm wird, sitzen alle draußen und freuen sich. Aber wenn es im April noch einmal schneit, drehen die Leute durch vor Frust. So wie ich. Mann, bin ich von diesem Wetter enttäuscht. Es fühlt sich an, als hätte mich ein Einhorn aufgespießt. Da fehlt mir wirklich jeder Pragmatismus.
Vielleicht sollte ich mir hier ein Beispiel an meinem Sohn nehmen. Nick liefert Essen aus. So genannte Bowls. Früher hat man dazu Salat gesagt, damals wurden die Bestandteile noch vor dem Servieren vermischt. Heute patschen sie die Zutaten, unter anderem Avocado, lieblos als Bausatz in einen Fressnapf aus Pappe und dann geht es damit aufs Fahrrad, auch wenn es im April schneit. Scheißwetter bedeutet in Nicks Kreisen tendenziell mehr Trinkgeld, weil die Kunden dann ein schlechtes Gewissen haben, dass der arme Junge wegen ihnen durch die halbe Stadt geradelt ist.
Ich stehe also vor dem Fenster und jammere über das Wetter und mache mich damit zum Horst. Mein Junge steht neben mir, nippt an seinem Kaffee und sagt: „Ah. Schnee. Schlecht für ein Picknick. Aber gut fürs Geschäft.“ Ich glaube, er ist erwachsener als ich.