Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2021

730_Auf Karton-Jagd

Erstaunlich, wie man von seiner selektiven Wahrnehmung bestimmt wird. Wenn jemand drei Mal nach Hannover reist und bei jedem dieser Besuche regnet es, wird er anschließend sagen: In Hannover regnet es immer. Es kann auch sein, dass ein von anderen Gästen hoch gelobtes Restaurant mies ist, weil man dort einmal versalzenes Gulasch hatte und BMW baut Autos für Gehirnamputierte, weil man am Vortag von so einem auf der Autobahn bedrängt worden ist.
Zu diesen Erkenntnissen gesellte sich bei mir jetzt die Beobachtung, dass es in München keine Umzugskartons gibt. In ganz München. Ausgangspunkt dieser Gewissheit war die Ankündigung unserer Tochter Carla, die Wohnung zu wechseln. Sie ist vor einem Jahr ausgezogen und lebte bisher in einer winzigen, aber charmanten Einzimmerwohnung mit einer noch winzigeren Küche und einem mikroskopisch kleinen Bad. Da unsere Tochter ebenfalls ziemlich klein ist, fanden wir, dass sie darin gut untergebracht war.
Doch nun entschied Carla, weiterzuziehen und mit zwei Freundinnen eine Frauen-WG zu gründen. Ich glaube, sie wollte einfach mal einen Tisch haben und nicht immer auf der Bettkante essen. Das Projekt WG-Gründung hielt ich allerdings für aussichtslos. Nicht in München, wo es keine Wohnungen gibt, wie jeder weiß, der mal eine gesucht hat. Zwei Tage später hatten die drei jungen Frauen eine Wohnung gefunden. Sie überzeugten die Vermieterin mit dem schlagenden Argument, dass die von Studentinnen ausgehende Gefahr der Lärmbelastung dadurch gebannt sei, dass die Wohnung keinen Balkon habe.
Letzten Dienstag bat Carla mich zu sich, um ihr beim Packen zu helfen. Als ich ankam, hatte sie genau drei Umzugskartons in ihrem Zimmer stehen. Ich sagte: „Wo sind denn die anderen Kartons?“ Und sie antwortete: „Welche anderen?“ Sie hatte sich mit dem Bedarf etwas verschätzt, was ich aber altersgemäß finde. Carla glaubt auch, dass es nach Paris ein gutes Stündchen sei und dass man pro Person eine Packung Nudeln kocht. Genaue Kenntnisse über Raummaße, Entfernungen, Mengen sowie der IBAN-Nummer ihres Kontos findet sie kleinbürgerlich und langweilig. Jedenfalls solange sie nicht darauf angewiesen ist.
Ich schätzte, dass sie für Bücher, Klamotten, Küchenzeug und Krimskrams ungefähr dreißig Kartons brauchen würde und wir fuhren zum Baumarkt, um welche zu holen. Dort empfing man uns mit der Auskunft, dass man zum Einkaufen einen negativen Schnelltest vorweisen und einen Termin vereinbaren müsse, was auch für alle anderen Baumärkte gelte. Daran hatte ich nicht gedacht und natürlich waren wir nicht getestet. Wer kann denn auch wissen, dass es diese Regeln gibt. Meine Tochter war derselben Meinung. Wir sind halt noch sehr jung.
Ich schlug vor, Kartons über Ebay-Kleinanzeigen zu besorgen. Also sahen wir im Internet nach. Tatsächlich gab es mehrere Angebote. Zwanzig Stück für fünfundzwanzig Euro. Ich schrieb dem Anbieter, dass wir sofort vorbeikämen, er schickte die Adresse. Als wir zwanzig Minuten später auftauchten, stellten wir fest, dass er die Adresse auch ungefähr einem Dutzend anderer Interessenten gegeben hatte, die sich wie Piranhas um die Kartons kloppten. Also die nächste Anzeige. Quer durch die Stadt. Von den dreißig angebotenen Kartons waren noch sechs übrig, die ich sofort kaufte, auch wenn bei dreien der Deckel fehlte. Wir hetzten weiter durch die Stadt, ans andere Ende, wo angeblich zwanzig Kartons abzuholen seien. Der Dealer öffnete die Tür und sagte: „Die Großen sechs Euro, die Kleinen vier Euro.“ Ich sagte: „Das sind Wucherpreise.“ Er sagte: „Wollen sie den Umzug machen oder nicht?“ Es war Erpressung. Und ich beugte mich nicht. Im Auto sagte ich zu meiner Tochter, dass es auch schön sei, wenn wir einfach mit den drei Kartons zehn Mal hin und her führen.
Als wir an ihrem Haus ankamen, stand dort ein Umzugswagen. Jemand zog ein, drei Stockwerke über ihr. Wir haben dann den Leuten geholfen, die Kartons reinzutragen und auszupacken. Und jedes leere Exemplar sofort gebunkert. Als wir dreißig zusammen hatten, haben wir sie in ihre Wohnung getragen und vollgepackt. Im Grunde habe ich an einem Tag zwei Umzüge gemacht. Und dass, wo es in ganz München keine Umzugskartons gibt. Und
alle Studenten dieser Stadt am selben Tag umziehen.