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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.04.2021

731_Haben wollen und nicht können

Was einem ja zurzeit furchtbar schwer gemacht wird, ist gut gelaunter Konsum. Man gerät ja sonst öfter mal in die zarte Versuchung, grundlos etwas zu erwerben. Aber im Moment werden Impulskäufe gnadenlos von ganz oben unterdrückt. Jedenfalls wenn man auf der Straße unterwegs ist und in Schaufenster sieht.
Das ist einerseits gut, weil man dadurch eine Menge Geld spart, das man sonst vielleicht ungeschickt investiert hätte. Andererseits ist es natürlich schlecht, weil der Einzelhandel sehr darauf setzt, dass jemand eine neue Nachttischlampe kauft, weil er sie schön findet. Oder ein paar Schuhe. Oder bretonisches Salzkaramell. Derartige Anschaffungen finden bei mir gar nicht mehr statt. Ich bin wie ein Einsiedlerkrebs, der missgelaunt in seinem Panzer hockt und vor unerfüllter Konsumsehnsucht mit den Scheren klappert.
Zum Beispiel würde ich meine eremitische Existenz gerne mit einem Hut krönen. Ich besitze nämlich keinen und dachte gestern, dass ein Hut vielleicht gut gegen die schlechte Stimmung sein könnte. Jedoch: Hutkauf ist Vertrauenssache. Man muss ihn anprobieren und berühren und damit vor einem Verkäufer mit Walrossbart hin und herlaufen. Und das geht im Internet nicht. Ich bin also verstimmt, zumal ich überhaupt nicht die geringste Lust habe, erst einen Schnelltest zu absolvieren und dann einen Termin zu machen, bloß um dann festzustellen, dass ich mit einem Hut aussehe wie Elmer Fudd auf Entenjagd.
Ich finde, die sollten lieber die Geschäfte gar nicht mehr aufmachen als so. Neulich brauchte ich Holzleim, um den Wäscheständer zu reparieren, den ich im Internet gekauft habe. Einer der Flügel brach bei der ersten Benutzung ab, weil ich feuchte Klamotten darauf trocknen wollte. Egal. Jedenfalls brauchte ich Holzleim und fuhr zum Baumarkt, wo sechshundert Menschen anstanden, die alle einen Schnelltest machen mussten und einen Termin. Da hatte ich sofort keine Lust mehr aufs Leimen. Und auf den Hut auch nicht.
Ich glaube, ich wollte ihn nur haben, weil das gerade nicht geht. Dieses irrationale Verhalten scheint eine Art Trend zu sein. Ich habe noch nie so viele Leute sagen hören, dass sie nachts Spazierengehen oder Joggen möchten wie in den letzten zwei Wochen. Ein ganzes Volk grämt sich, weil es für zwei bis drei Wochen nachts keinen Dauerlauf machen und nur noch alleine spazieren gehen soll. Selbst Ehepaare, die seit dreißig Jahren nebeneinander im Bett liegen, werden dazu angehalten, nur noch einzeln loszumarschieren. Abgesehen davon, dass ihnen das paartherapeutisch guttun könnte, ist es vom Standpunkt eines Aerosols her betrachtet ziemlicher Unsinn. Außerdem lässt sich diese Regel hervorragend aushebeln, indem man einfach mit zwei Meter Abstand spazieren geht. Wenn die Polizei kommt, kann man immer sagen, dass man alleine unterwegs ist und die andere Person noch nie gesehen hat, aber offensichtlich von ihr verfolgt wird. Die Polizei wird pflichtgemäß handeln und Mann oder Frau mitnehmen. Kommt halt darauf an, wer voran geht und wer folgt.
Die Grünen haben jetzt darüber entschieden und Frau Baerbok geht vor. So hat das Robert Habeck selber gesagt. Er ginge jetzt einen Schritt hinter ihr. Besser wären wie gesagt zwei Meter, aber die Grünen sind Rebellen. Ich bewundere den Mut, dieses Land regieren zu wollen. Wobei: Das Land ist ja einfach zu regieren, die Bewohnerinnen und Bewohner sind das Problem. Inzwischen drehen die Menschen schon durch, wenn ihre Pfandflaschen irgendwo nicht angenommen werden. Ich habe da kürzlich einen Mann erlebt, der beinahe den REWE in die Luft gesprengt hätte, weil der Automat seine Einwegpulle immer wieder ausgespuckt hat. Er fand, das Gerät würde ihn verhöhnen und trat dagegen, bis der Chef kam, um sich vom Kunden anbrüllen zu lassen.
Markus Söder hingegen ist ohne Groll. Sagt er jedenfalls. Glaube ich ihm aber nicht. Bestimmt zieht er nachts durch den Englischen Garten. Er trägt einen Hut, den er tief ins Gesicht gezogen hat. Und wenn eine Polizeistreife ihn aufhält und nach Hause schicken will, zückt er ein Fläschlein Holzleim und kleckert ihnen aus lauter zivilem Ungehorsam die Uniformen voll.