Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.05.2021

732_Nicht woke, aber hellwach

Meine Tochter ist sehr hartnäckig der Ansicht, dass ihr Vater nicht woke genug sei. Also nicht aufgeweckt genug. Das möchte ich keinesfalls bestreiten, ganz besonders trifft dies in den frühen Morgenstunden vor dem ersten Espresso zu. Und auch dann, wenn ich lese, dass ein Schauspieler angefeindet wird, weil er Richard den Dritten als körperbehinderten Regenten darstellt. Die Aktivisten rufen dann, es sei „Crippling up“, wenn ein Nichtbehinderter einen Behinderten spiele. Das dürften nur Behinderte. Und nur People of Color sollen ein Gedicht von einer schwarzen Autorin übersetzen dürfen. Das finde ich seltsam. Es ist ungefähr so, als fordere man, dass nur eine Bundeskanzlerin Bundeskanzlerin werden dürfe.
Ich fürchte, dass ich lieber nicht woke bin, auch wenn das bedeutet, dass ich mich den heftigen Schellen meines Kindes stellen muss. Sie schimpft auch mit mir, weil ich ihrer Meinung nach nicht gegen Blackfacing eintrete. Das liegt aber nicht daran, dass ich es unproblematisch finde, sondern daran, dass ich etwas anderes darunter verstehe als sie. Wenn jemand sich das Gesicht schwarz anmalt, um in spöttischer Weise rassistische Stereotypen über Schwarze zum Besten zu geben, dann ist das Blackfacing. Wenn hingegen jemand sich das Gesicht schwarz anmalt, um auf der Bühne auszusehen wie der venezianische Feldherr Othello, dann ist das nicht Blackfacing, sondern notwendig. Othello ist nun einmal dunkelhäutig und Emil Jannings und Anthony Hopkins nicht. Beide haben den Othello gespielt und ich glaube kaum, dass es der Figur geschadet hat.
Aber wenn ich so etwas vortrage, bin ich ein alter weißer CIS-Mann, der nichts kapiert hat. Ich leide nicht unter diesem herben Vorwurf, denn es stimmt: Ich verstehe wirklich Vieles nicht. Bitcoins zum Beispiel. Oder Baseball. Oder Hugo aus der Dose. Und außerdem stimmt es gar nicht, dass ich total unwoke wäre. Ich bin eben bei anderen Themen hellhörig wie ein Rauchmelder. Zum Beispiel bei Abo-Angeboten. Andauernd werde ich dazu angehalten, Gegenstände oder Dienstleistungen zu abonnieren.
Die Werbung nervt mich damit, dass ich gefälligst ein Auto-Abo abschließen soll. Das ist aber bloß eine Art von Mietvertrag und gar kein richtiges Abo, denn ein richtiges Abo ist ein Abenteuer. So erlebe ich das mit der abonnierten Zeitung oder mit dem Streaming. Man weiß nie, was man bekommt. Bei einem Auto möchte ich das aber in Hinblick auf die Verkehrssicherheit unbedingt vermeiden. Besonders auf langen Strecken.
Die Aufregung ist für mich immer Teil des Abo-Gedankens. Etwa beim Theater-Abo. Selbst wenn es dabei oft zu Spannungen kommt. Die Schauspieler ätzen dann, dass das Abo-Publikum nur im Theater rumlungere, weil es nun einmal ein Abo habe. Was ja nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Abonnenten hingegen reagieren schnell beleidigt auf Inszenierungen, die ihnen nicht gefallen, und für die sie immerhin im Voraus bezahlt haben. Und dann bekommen sie dafür keinen richtigen Othello, sondern bloß einen angemalten und dann auch noch aus Würzburg statt aus Venedig.
Jedenfalls finde ich diese neue Mode, alles Mögliche abonnieren zu sollen, sehr fragwürdig. Es ist bloß eine Verkaufs-Masche, bei der die Abonnenten rasch den Überblick über die Kosten verlieren. Gestern wollte ich eine App runterladen, mit der man über die Handy-Kamera Pflanzen bestimmen kann. Das ist genau das richtige für mich, denn ich bin in punkto Flora ein völliger Tölpel. Ich kann eine Hortensie von einer Felsenbirne unterscheiden, damit hat sich’s schon. Die App hätte mir gut gefallen, aber man musste sie abonnieren. Für sechsundzwanzig Euro im Jahr. Ich finde solche Abos unsympathisch.
Und dann fragte mich Carla, ob mir etwas an ihrer Gesundheit liege. Ich bejahte und sie schlug mir vor, dass ich für sie und ihre WG-Genossinnen ein Gemüse-Abo abschließen könne. Vitamine frei Haus, abonniert für nur 180 Euro im Monat, Laufzeit zwei Jahre, danach halbjährlich kündbar. Ich war dann woke genug, ihr zu sagen, dass es die Vitamine auch bei ihr um die Ecke im Supermarkt gebe. In großer Auswahl – und ohne jede Vertragsbindung.