Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.05.2021

733_Der digitale Reisetipp

Die Fernreise ist eine relativ neue Erfindung. Daran sollte man denken, wenn man es für normal hält, einmal im Jahr nach Sri Lanka oder Australien zu fliegen, um dort deutsches Bier zu fotografieren. Noch vor vierzig Jahren absolvierte man solche Trips vielleicht einmal im Leben. Inzwischen sausen wir wie die Verrückten um den Erdball, die Welt scheint zu klein zu sein für den ungeheuerlichen Reisehunger ihrer Bewohner.
Es galt bis vor kurzem als normal, die Lofoten besucht zu haben. Oder die Atacama-Wüste. Und man konnte sicher sein, in der Schlange vor dem Kolosseum oder an einem Softeis-Stand in La Paz anderen Deutschen zu begegnen, in der Regel stellten sich diese dann als Besitzer einer Teppichreinigung in Berlin-Charlottenburg heraus. Solche Momente des gegenseitigen Erkennens in abstrus entlegenen Weltregionen erschienen derart profan, dass man sie später bei der Schilderung der Reise nicht einmal erwähnte. Ein Berliner Teppichreiniger im Seidenmuseum von Yokohama ist heutzutage eine völlige Selbstverständlichkeit.
Erst die Pandemie hat diesen touristischen Furor gestoppt und man kann sagen, dass dies für alle Beteiligten auch Vorteile hat. Endlich ist mal Ruhe im romantischen Fischerdorf, wo man sich jetzt aufs Armsein konzentrieren kann, ohne andauernd dabei fotografiert zu werden. Ich habe von Griechen gehört, die den Zahnarzt meiden, weil Väterchen mit lückenhaften Gebissen ein bevorzugtes Fotomotiv von Charlottenburger Teppichreinigungsbesitzern darstellen. Schlechte Zähne werden auf Kreta vom Tourismusverband subventioniert. Habe ich gelesen. Jetzt fragen sie mich nicht, wo. Im Internet halt. Egal.
Ich habe kein Mitleid, weil man jetzt gerade nicht gut reisen kann. Man muss auch mal an die Natur denken. Die kann sich nun endlich mal erholen. Die Gletscher in den Alpen zum Beispiel. Seit Jahrzehnten ziehen sie sich immer weiter zurück, mancherorts sind sie bereits ganz verschwunden. Warum? Weil sie keine Lust mehr haben auf plattfüßige Wanderer, die noch das letzte Edelweiß zertrampeln. Da würde ich mich auch vom Acker machen.
Und man möchte auch kein Chamäleon in einem Touristen-Hotspot sein. Den ganzen Tag zur Gaudi der Besucher die Farbe wechseln, nur damit die etwas zum Filmen haben. Das geht auf die Pumpe, besonders der Wechsel von hellgrün auf rot. Oder das Leiden der vielen pazifistischen Alligatoren in Florida, die keiner Fliege etwas zuleide tun und daher künstliche Gebisse eingesetzt bekommen, um Besuchern aus Charlottenburg Gefahr vorzugaukeln.
Jetzt, wo niemand kommt, schwimmen die Alligatoren zahnlos durch die Everglades und singen ein munteres Lied, ähnlich wie die Camargue-Pferde, deren Rücken sonst um diese Zeit bereits wundgescheuert sind von Millionen von Touri-Ärschen. Und die Flamingos dürfen endlich mal für ein paar Monate auf zwei Beinen stehen. Es ist ein Irrglaube, dass die rosa Vögel auf einem Bein stünden, damit sie im Wasser nicht so schnell auskühlen. In Wahrheit machen sie das nur, um den Gästen aus aller Welt ein Wohlgefallen zu sein und weil sie von ruchlosen Reiseveranstaltern dafür mit Prinzenrolle gefüttert werden. Freiwillig würde ein Flamingo so etwas Dämliches niemals tun.
Wer jetzt reisen möchte, sollte sich wie ich die App GeoGuessr auf sein Handy laden. Es ist das perfekte Spiel und man kommt rum. In der ganzen Welt. Es funktioniert folgendermaßen: Man wird irgendwo auf dem Globus ausgesetzt und muss herausfinden, wo man gerade ist. Um einen herum befindet sich ganz einfach die Straßenansicht von Google Street View. Man muss nun einfach herumwandern und sich orientieren. Ich war schon in Südkorea, in einem Kaff in Texas, in Polen und in Frankreich. Und auch in Russland. Schwierig wird es überall, wo es keine englischsprachigen Schilder gibt. Aber nach einer Weile findet man auch so Anhaltspunkte. Dann markiert man auf einer Karte den Ort, an dem man sich glaubt und erhält dafür umso mehr Punkte je näher man ihm gekommen ist.
Es ist das ideale Spiel für alle, die jetzt nicht wegkönnen, aber das Kribbeln der Orientierungslosigkeit in der Fremde lieben. Zudem kostet es nichts, es verschuldet kein CO2 und erzeugt bei Tieren, Griechen und der Natur nichts als ein freundliches Achselzucken.