Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.05.2021

734_Boomer mit Würmern

Als Kind hatte ich Würmer. Das ist ein tadelloser erster Satz für eine wöchentliche Kolumne. Er macht das Publikum neugierig, liest sich spannend und folgt dem Trend zum persönlichen Bekenntnis, der gerade unsere Medien dominiert. Auch wenn es speziell für diese etwas unappetitliche Lebensbeichte noch nicht zu einem vorderen Platzt im Sendeablauf der Tagesschau langt. Nicht einmal für einen hinteren. Aber bei meiner großen Tochter Carla reichte der Satz für ein mittelschweres Gefühlsbeben. Erst Boomer, dann auch noch Würmer.
Meine Generation ist mit dem Thema vertraut, denn vor 46 Jahren galten Spielsand und Pfützenwasser unter Grundschulkindern als nahrhafter Snack und Eltern desinfizierten nicht täglich die Fernbedienung des Nordmende, was auch daran gelegen haben mag, dass es damals noch keine Fernbedienungen gab. Egal. Man war jedenfalls ganz allgemein noch nicht so empfindlich und dann bekam man eben als Kind diese kleinen weißen Madenwürmchen.
Ich erinnerte mich daran, als ich mit Carla im Auto saß und nach Italien fuhr. Für diese langen Autofahrten kaufe ich immer Red Bull. Es ist der einzige Moment in meinem Leben, wo ich das Zeug trinke. Es ist bei uns ein traditioneller Reisebegleiter, ansonsten verschmähe ich dieses Getränk. Ich habe es noch nie aus einem Glas getrunken, immer nur aus der Dose, deshalb weiß ich nicht einmal, welche Farbe es hat. Ungefähr auf der Höhe von Mantua nahm ich einen Schluck und dann kam mir diese Kindheitserinnerung. Das gibt es ja, dass man schlagartig an etwas denkt, was Jahrzehnte zurückliegt. Und das wiederum wurde durch den Genuss von Red Bull angeregt, denn plötzlich wurde mir bewusst, wonach das eigentlich schmeckt, nämlich nach Entwurmungs-Sirup für Kinder.
Ich nehme nicht an, dass der Arbeitsauftrag an die Entwickler von Red Bull so gelautet hat, aber die Vorstellung gefällt mir: Da befiehlt dieser Mateschitz einem Chemiker: „Bitte mach doch mal eine Limonade, die nach Wurmkur schmeckt, das wird bestimmt ein Hit.“ Auf jeden Fall war Carla schockiert. Man fährt die Brenner-Autobahn Richtung Süden und der Vater sagt völlig unvermittelt: „Als Kind hatte ich Würmer.“ Das hätte ich bei meinem eigenen Vater auch seltsam gefunden. Die Fahrt verlief ansonsten ereignislos, was auch daran lag, dass uns kein Mensch nach Testergebnissen fragte. Es war alles wie immer, jedenfalls bis wir in das Dorf kamen, in dem wir immer Urlaub machen.
Auf dem kleinen Platz vor der Bar stand ein Leichenwagen. Man muss das an dieser Stelle erwähnen, weil das Wagen fast genauso spektakulär war wie die Leiche: Sie haben dort nämlich ein Bestattungsmobil von Maserati. Es handelt sich um ein umgebautes Exemplar des Modells Quattroporte und ich glaube, man kann posthum nicht stilvoller reisen. Fahrgast war der in Dorfkreisen weltberühmte und hochbetagte Arzt Dottore Rossi, der mit dreiundneunzig Jahren an einer Infektion starb, gegen die nicht einmal er etwas ausrichten konnte. Dabei hatte er fast siebzig Jahre lang zuverlässig sämtliche Beschwerden seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger konsequent und gutgelaunt geheilt.
Erst als er sich in den Achtzigern befand, kam heraus, dass er gar kein Doktor der Heilkunst war, sondern Jurist. Der Barbesitzer Valentino gab mir einen Kaffee aus und raunte: „Die Medizin war ja eher sein Hobby.“ Und es habe andere Dinge gegeben, die ihn weit mehr interessierten. An erster Stelle stand bei ihm die Jagd, dann kamen die Frauen und gutes Essen und auf Platz vier rangierte seine kleine Praxis, in der jeder Einwohner und jede Einwohnerin und jedes Kind über Jahrzehnte von allen möglichen Beschwerden geheilt wurden. Dottore Rossi verabreichte allen Altersgruppen dabei gerne ein Gläschen Grappa, mit welchem er auch sein Stethoskop desinfizierte, was ihm eine Aura professioneller Ernsthaftigkeit verlieh, weil der Grappa nicht ganz billig war.
Wir waren auch einmal bei ihm. Er tackerte unserem Sohn Nick eine Platzwunde am Kopf. Dabei sang er ein umbrisches Volkslied und baggerte meine Frau an. Da war er schon Mitte achtzig. Und nun ist er nicht mehr. Wie gesagt, eine Infektion, und zwar im Darmbereich. Wer weiß, vielleicht hätte eine Dose Red Bull wahre Wunder gewirkt.