Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.05.2021

735_Glotzen und Motzen

Wenn man eine Tochter von fast 23 Jahren hat, erhält man recht häufig die Gelegenheit, sich als alter weißer Mann eindosen zu lassen. Gestern war es wieder soweit. Carla und ich schlenderten über den schönen großen Platz in dem umbrischen Zauberörtchen Todi und aßen ein Eis. Da kam uns eine überaus attraktive Frau entgegen und ich tat, was man eben tut, wenn man alle Sinne beisammen hat: Ich sah der Frau hinterher. Nicht, dass ich angehalten, mich umgedreht, gepfiffen oder schreckliche Dinge gerufen hätte. Ich bewegte nur meinen Kopf und sah der Frau hinterher. Eine Sache von nicht einmal einer Sekunde, total folgenlos. Und irgendwie schön.
Wir gingen weiter und nach einem kurzen Moment des Schweigens pfiff Carla mich an, dass ich ein alter Saftsack sei. Und dann sagte sie: „Dass ich mich so für meinen Vater schämen muss.“ Ich versuchte, ihr zu erklären, dass ich mein Verhalten für relativ normal hielte, aber das verdross sie nur noch mehr. Ich hätte die Frau zum Objekt gemacht, sagte meine Tochter. „Zum Objekt wofür?“ fragte ich. „Du hast sie zum Glotzobjekt herabgewürdigt,“ fauchte sie. „Sie ist in diesem Moment bloß dafür da, Deine niederen männlichen Instinkte zu befriedigen.“ Dann hielt sie ein Impulsreferat zum Thema Verdinglichung der Frau und darüber, dass dieses Glotzen bereits Teil der Unterdrückung sei.
Ich aß mein Eis und hörte Carla dabei zu, wie sie ihren Vater mit jedem Satz mehr in die Lustgreis-Ecke schob, wo sich außer mir noch sabbernde Pornographen und misogyne Gewalttäter aufhalten. Ab da ging mir ihr Furor ein wenig zu weit. Also wehrte ich mich, denn ich glotze oder starre nicht, sondern ich gucke. Das ist schon mal ein Unterschied. Und ich schaue nicht bloß Frauen hinterher, sondern auch schönen Autos, gutgekleideten Männern und sogar Straßenlaternen, wenn sie etwas her machen. Ich bin kein Sexist und ich erniedrige niemanden, sondern ich feiere im Gegenteil die Schönheit. Ich liebe alles, was schön ist.
Carla zeigte mit ihrem Eis auf mich wie der Staatsanwalt mit dem teuren Füller auf den Angeklagten. „Genau! Du reduzierst die Frau auf ihr Aussehen, als sei sie eine Sache. Wie eine Straßenlaterne. Das ist sexistisch. Ihre inneren Werte interessieren Dich gar nicht.“
„Wenn sie mich interessieren würden, wäre Dir das auch nicht recht“, gab ich schwach zurück. Carla blieb unversöhnlich. Und ich dachte darüber nach, dass sich die Zeiten ganz schön verändert haben. In mancherlei Hinsicht finde ich das gut.
So etwas offensichtlich sexistisches wie diese alte Hanuta-Fernseh-Werbung mit der schönen Bäckerin wäre zum Beispiel heute nicht mehr denkbar. In dem Spot aus den neunziger Jahren backt die schöne Bäckerin mit dem tiefen Dekolletee Haselnusstafeln. Da kommen drei pornöse Musketiere mit aufgerichteten Degen vorbei und einer von ihnen tremoliert mit zitterndem Schnurrbart: „Das sieht ja zum Anbeißen aus“. Es bleibt offen, ob er die Kekse oder die Bäckereifachkraft meint, aber diese lacht dankbar, weil sie froh darüber ist, dass sie den Männern mitsamt ihrer diversen Auslagen so gut gefällt.
Derartiger Mist würde heute nicht mehr in Auftrag gegeben, nicht mehr gedreht und nicht mehr gesendet. Es herrscht ein breiter Konsens darüber, dass man Frauen nicht als knackige Beigabe zu Süßwaren präsentiert und das ist keine Mode, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung. Dabei scheint bloß aus lauter Konformitätsdruck auch jede heitere Frivolität koppheister zu gehen, und das finde ich ziemlich schade.
Wir gingen weiter und kamen an einem Schuhgeschäft vorbei, wo Carla einem klassischem Rollenmuster folgend auf ein Modell zeigte und fragte, ob sie es eventuell haben könnte. Wir betraten den Laden und die Verkäuferin kam mir sehr bekannt vor. Carla probierte die Schuhe an, die schöne junge Frau brachte Alternativen, schließlich entschied sich Carla für ein Paar und ich bezahlte es. Die ganze Zeit versuchte ich, die Verkäuferin nicht anzusehen, um mich nicht wieder in Carlas Shitstorm stellen zu müssen. Am Ende bekam sie neue schöne Schuhe und ich das Gefühl, deutlich an Lebensqualität eingebüßt zu haben. Die Frau war wirklich außergewöhnlich hübsch.