Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.05.2021

736_Deutsche in Italien

Das deutscheste an mir ist meine Liebe zum Rasenmähen. Ich kann es gar nicht abwarten, dass wir endlich nach Italien fahren, denn in dem Haus, wo wir Urlaub machen, gibt es einen Rasen und einen Mäher. Ich habe nichts gegen wilde Wiesen. Diese Blumen, die langen Halme, das Geräusch, wenn man durch hohes Gras geht. Wirklich schön, aber chancenlos, wenn ich in der Nähe bin. Ich würde auch die Wiesentundra in Alaska mähen und am liebsten wäre ich Greenkeeper bei Bayern München. Im Dorf bin ich bereits eine Legende, man nennt mich dort Gianni Prato, der Paganini des Sichelmähers.
Und ich kann den Prato kürzen, wann ich will. Selbstverständlich halte ich die Nachtruhe ein, mähe allerdings tagsüber, wann mir danach ist. Es hat sich noch niemand beschwert. Bis vorgestern. Ich war soeben dabei, ein Schachbrett in den Rasen zu malen, als jemand entfesselt hupte. Ich machte den Mäher aus und sah nach. Am Gartentor stand ein Mann und sagte streng: „Sie wissen aber schon, dass gerade Mittagsruhe ist, oder?“ Und um mir das mitzuteilen, hupte der Typ wie verrückt. In der Mittagszeit. Er stellte sich als Jens vor und verkündete, dass er das Haus nebenan gemietet habe und abends gerne auf ein Glas Wein vorbei käme. Ich nickte brav und mähte um fünfzehn Uhr und vier Sekunden weiter.
Abends erschien Jens mit seiner Frau Susi und begann sofort zu meckern. Über Italien und darüber, dass ihr Schnelltest an der Grenze nicht kontrolliert worden sei. Und dann der Skandal mit der Gondel am Lago Maggiore. Typisch sei das. Verbrecherisch. Diese Italiener.
Man dürfe in diesem Land nicht mit Seilbahnen fahren und schon gar nicht mit einem Schiff. Er spielte damit auf den berühmt gewordenen „Capitano Codardo“ an, Kapitän Feigling. So nannte man in Italien den Führer eines Kreuzfahrtschiffs, der nach einem Zusammenstoß mit einem Felsen von Bord ging, ohne sich um die Rettung von Gästen und Besatzung zu kümmern. Vor Gericht behauptete Franceso Schettino später, er sei ausgerutscht und dabei zufällig in ein Rettungsboot gefallen. Ganz Italien schämte sich seiner, aber für Jens ist Kapitän Feigling ein Prototyp südeuropäischer Pflichtvergessenheit.
Ich finde ja, wir sollten vorsichtig sein, wenn wir als Deutsche mit dem Finger auf Italiener zeigen. Besonders, nachdem wir gerade in Berlin einen Flughafen mit neun Jahren Verspätung eingeweiht haben. Wegen Pfusch am Bau wurde die Eröffnung sieben Mal verschoben. In Italien hätte das Haus garantiert viel früher gestanden. Gut, es gäbe bis heute keine Startbahn, aber das Gebäude selbst wäre schneller fertig gewesen. Jedenfalls nervt mich dieses Gemecker von Deutschen in Italien und ich fragte Jens, warum er hier sei, wenn es ihm gar nicht gefiele.
Er holte weit aus und verkündete, dass Deutschland langsam unerträglich sei. Die schlechte Stimmung. Das miese Corona-Management der Regierung. Und dann die Wahlen. Es könne zu einer Machtübernahme der Grünen kommen, dann sei unser Land endgültig aufgeschmissen. Und niemand stelle sich dagegen, besonders die Medien jubelten diese Baerbock hoch. Dem kann ich mich nicht anschließen. Neulich wurde die Kanzlerkandidatin der Grünen von Sandra Maischberger im Fernsehen interviewt und die Moderatorin entfachte einen ähnlichen Charme wie die KGB-Agentin Rosa Klebb im James-Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“. Die eiskalte Rosa Klebb wurde damals von Lotte Lenya gespielt und hatte eine ausfahrbare giftige Klinge in der Schuhspitze. Das war ungefähr das einzige, was sie von Sandra Maischberger im Umgang mit Annalena Baerbock unterschied.
Wenigstens sei das Wetter in Italien viel besser, sagte Jens und trank meinen Wein aus. Er denke darüber nach, ein Haus in Italien zu kaufen. Dann verabschiedete er sich und seine stumme Gemahlin. Ich war darüber nicht unfroh. Und ich hoffe, er überlegt seine Investitionspläne noch einmal und kauft sich was Hübsches auf Rügen. Dort ist es auch schön und es gibt verhältnismäßig wenig Italiener dort. Um diese Entscheidung ein wenig zu motivieren, mähte ich gestern noch einmal meinen Rasen. Um halb zwei Mittags. Nur, um Jens zu ärgern. Ich weiß. Aber ich bin eben auch sehr deutsch.