Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2021

737_Wacke Zeiten, nicer Sommer

Es sei trotzdem gerade die beste Zeit seines Lebens. Das sagt mein Sohn und ich bewundere ihn dafür. Nick ist achtzehn und muss mitten in dieser komischen Zeit erwachsen werden, worum ich ihn nicht beneide. Ständig wird ihm und seinen Freunden gesagt, dass sie große Probleme bekommen. In naher Zukunft, wenn sie die Schule abbrechen. Und auch, wenn sie nicht die Schule abbrechen. Eigentlich so oder so. egal, was sie machen.
Und in ein paar Jahren erst Recht, wenn das Wasser knapp wird und es eine ganz neue Form der Migration in den Norden gibt. Wenn die Klimaziele nicht erreicht werden. Wenn die Armut wächst. Wenn ihre Arbeitswelt digitalisiert ist. Wenn ihre Elterngeneration den Planeten ausgeplündert hat. Und wenn für sie keine Rente mehr da ist.
Man könnte nun erwarten, dass aufgrund dieser durchweg üblen Perspektiven eine Generation der Verzagten und Griesgrämigen heranwächst. Das wäre nur verständlich. Aber zum Glück für uns Alle geht sie mit der Tatsache, von ihren Eltern und Großeltern nach Strich und Faden um ihre Zukunft betrogen worden zu sein, erstaunlich gelassen um. Jedenfalls ist das meine Beobachtung bei Nick und seiner Clique. Sie lassen die Schamlosigkeit einer Gesellschaft, die immer mehr von ihnen verlangt und ihnen dafür immer weniger bietet, einfach durchregnen. Ich glaube, diese Entspanntheit ist eine Art Gütesiegel der Jugend.
Und sie kommt von diesem Lebensalter mit jenem fluiden Zustand der Persönlichkeit, die mit Achtzehn irgendwo zwischen steindoof und superintelligent hin und her huscht. Und dazwischen saust der Blödsinn umher, der Übermut, die Verliebtheit. Es herrscht ein andauernder Terror der Synapsen, eine wilde Lust am Leben und Experimentieren. Nick und seine Mädchen und Jungen sind dabei nicht aufzuhalten und ich denke, es stünde mir nicht einmal der Versuch zu, ihn zu bremsen. Und so stürzt er mit dem Skateboard unterm Arm und einem Rucksack auf dem Rücken aus dem Haus, kommt spätabends mit verbranntem Nacken zurück und ich frage ihn fast nie nach Mathe oder danach, wo eigentlich meine Powerbank abgeblieben ist. Die Antwort würde mir nicht gefallen. Mathe findet er wack. Und meine nice Powerbank ist in der U-Bahn geblieben. Oder bei Finn. Oder am See. Oder es ist im Rucksack Eistee hineingelaufen. Solange ich nicht frage, muss ich mich nicht ärgern. Also frage ich nicht. Bloß vorgestern erschien mir die äußere Erscheinung meines Sohnes zu bemerkenswert, um nicht doch Auskünfte einzufordern.
Er klapperte gegen ein Uhr in die Wohnung und ich wachte davon auf. Also ging ich einfach mal nachsehen und Nick stand in kurzen Hosen und Sweatshirt im Flur. Seine Beine glänzten vom Knie abwärts silbern und er trug nur einen Schuh. Ich fragte nach der Ursache für Beides. Und dann kam eine Geschichte, die nur achtzehnjährige Jungs im Sommer erleben.
Nick und seine Freunde radelten also an den Fluss, um dort ein paar Biere zu trinken. Kurz vor dem Ziel – man fuhr nebeneinander und schubste sich gegenseitig – verlor Finn das Gleichgewicht und stürzte. Dabei fiel ihm eine Dose mit Sprühfarbe aus dem Rucksack und landete zwischen den Speichen. Das Ventil der Dose brach ab oder die Dose explodierte. Jedenfalls sahen Nicks Beine so aus, überhaupt waren alle silbern und Finn hatte ziemliche Schmerzen. Sie haben ihn mitsamt seines Fahrrads in die S-Bahn gesetzt und er fuhr ins Krankenhaus. Er rief dann noch an und gab die Diagnose weiter, derzufolge er nicht nur ein silbernes, sondern auch ein gebrochenes Schlüsselbein hatte.
Die anderen erhoben ihr Helles auf ihn, badeten, lernten vier Mädchen kennen und gaben vor ihnen mit ihrer Silbernheit an. Irgendwann wollte Nick nach Hause, aber sein linker Schuh war weg. Oder jedenfalls fast. Sie suchten mit ihren Handylampen und sahen schließlich den Fuchs, der den Schuh mit dem Senkel im Maul rückwärts in einen Busch zog und sich davon auch nicht abbringen ließ. Also fuhr Nick mit einem Schuh nach Hause und sagte: „ich möchte echt mal wissen, was der blöde Fuchs mit meinem Schuh will. Der ist dem doch viel zu groß.“ Er zeigte mir das überblitzte Foto von dem Fuchs mit dem Schuh im Maul. Dann ging er ins Bett. Und ich dachte, dass er die beste Zeit seines Lebens hat. Trotz allem.