Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.06.2021

738_In der WG der Racheengel

Manchmal fällt es mir schon schwer, in meiner Rolle zu bleiben. Ich muss ja immer noch väterlicher Versorger sein. Jedenfalls meistens. Dann kaufe ich Nicks Lieblingsjoghurts, bügle seine Klamotten und frage am späten Nachmittag mit gefalteten Händen und geneigtem Kopf, was der junge Herr abends essen möchte.
Er sitzt an seinem Rechner und massakriert Gegner im Häuserkampf. Ich habe mich als Pazifist mühsam damit abgefunden, außerdem warf ich selbst vor vierzig Jahren in der Pommesbude Geld in einen Automaten, an dem man auf pixelig herumzappelnde Raumschiffe ballern konnte. Ich war also nicht besser als mein Sohn, bloß unterdigitalisiert.
Egal. Jedenfalls klopfe ich höflich, um zu fragen, wozu sein Hüngerchen ihn anstiften könnte. Ohne mich anzusehen, wedelt er mit der rechten Hand herum und brummt: „Mir egal, mach irgendwas.“ Das ist frech, genau wie die Frage, warum sein schwarzes Hemd noch nicht gebügelt sei. Das ist sogar doppelt frech, denn es handelt sich strenggenommen um mein schwarzes Hemd, das er mir mit dem Hinweis abgezockt hat, es würde nur Menschen unter Dreißig stehen und indem er es trage, erspare er mir peinliche Auftritte in der Öffentlichkeit.
Das Schlimme daran ist, dass er Recht haben könnte. Trotzdem reagiere ich zunehmend gereizt auf seine Späße. Außerdem werde ich immer öfter zum Prank-Opfer. Neulich hat er bei Netflix die Sprache verstellt. Auf griechisch. Sehr witzig. Ohne eine gewisse fundamentale humanistische Bildung bekommt man das nie wieder weg, denn sämtliche Menüs und Untermenüs sehen aus wie die griechische Verfassung auf griechisch. Ich musste den Sohn des Lebensmittelhändlers in der Nachbarschaft überreden, die Sache an meinem Fernseher wieder in Ordnung zu bringen. Hat zwanzig Euro gekostet. Zur Strafe änderte ich das Passwort und Nick ist jetzt erst einmal draußen. Das hat er nun davon.
Es könnte sein, dass seine Tat nur eine Rache war, denn zugegebenermaßen ärgere ich ihn auch manchmal. Es macht Spaß und ist Kompensation für seine geballte Frechheit. Zum Beispiel ließ ich ihn wochenlang in dem Glauben, wir zögen nach Pirmasens, was ich tatsächlich nie vorhatte. Aber es versetzte ihn regelrecht in Aufruhr. Ich hingegen gerate in Stress, wenn er zu mir kommt und um eine kleine Spende für eine gute Sache bittet. „Wofür soll ich spenden?“ frage ich dann und es kommt heraus, dass das karitative Ziel der Sammelaktion der Erwerb einer Kiste Bier ist, die er mit seinen Jungs zu leeren gedenkt. Manchmal gebe ich nach, dafür muss er erdulden, dass ich Anrufe auf seinem Handy entgegennehme. Wir haben inzwischen fast dieselbe Stimme. Wenn Nick nicht schnell genug ist, greife ich sein Telefon, drücke die grüne Taste und sage: „Yo Alder, was geht?“ In bisher einhundert Prozent der Fälle werde ich für meinen Sohn gehalten und mit hochinteressanten Ausführungen vollgetextet, jedenfalls bis Nick mir das Handy entrissen hat. Dann sagt er: „Das war mein blöder Vater. Was hast Du dem alles gesagt?“
Manchmal ärgere ich ihn auch, wenn er im Bad ist. Er hat dort eine tumultöse Box stehen, auf der beim Duschen deutscher HipHop läuft. Es ist mir unbegreiflich, wie aus so einem kleinen Lautsprecher derartige Erdbebenstöße dringen können. Zu Nicks Missvergnügen habe ich eine App auf dem Handy, mit der ich die Box leiser stellen kann. Das bringt allerdings nicht viel, denn er macht sie mit seiner App einfach wieder lauter, wenn er aus der Dusche kommt. Also habe ich eine Methode ersonnen, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Ich mache nicht mehr leiser, sondern wechsele die Musik. Sobald er seinen Kopf schamponiert hat, mache ich „Das Lied der Schlümpfe“ an. Und zwar volle Pulle. Mann, war der sauer. Und daher wohl zur Vergeltung Netflix auf griechisch.
Falls sie auch so böse Kinder haben und keinen griechischen Obsthändler in der Nähe, gehen sie wie folgt vor: Von der Startseite einmal nach links, dann ganz nach oben auf Ihr Profilbild. Dann zwei Mal nach unten klicken und bestätigen und schließlich erneut zwei Menüpunkte nach unten klicken und bestätigen. Dann sind sie in der Sprachauswahl. Nichts zu danken. Gern Geschehen.