Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.06.2021

739_Wer bakt, gewinnt

„Wie heißen diese Dinger?“ fragt mein Sohn. Wir sitzen im Auto und fahren über die Autobahn. Das mache ich nur noch selten. Wenn ich durch Deutschland reise, nehme ich fast immer die Bahn. Es ist komfortabler und schont die Nerven. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Stimmt dann aber meistens gar nicht, erst recht nicht, wenn man sechs Stunden lang im Erfurter Bahnhof rumsteht, weil in Leipzig eine Weiche eingefroren ist. Dennoch hat sich die Bahnreise bei mir gegen die lange Autofahrt durchgesetzt. Außer letzte Woche. Ich dachte, es wäre ganz schön, die Mobilität im eigenen PKW auf einer Langstrecke zu erfahren.
Es ist aber ein überschätztes Erlebnis. Die Strecke von München nach Köln ist eine durchs Land mäandernde Ameisenstraße des europäischen Warenverkehrs. Und es gibt zusätzlich überraschend viele Autofahrer, die wie ich der Meinung sind, es sei eine romantische Idee, sich diesem zähen Fluss anzuvertrauen. Eine furchtbare Gurkerei. Bei Erlangen fragt Nick also, wie diese Dinger heißen. Er meint die rotweiß gestreiften Plastikschilder, die rechts und links in der Baustelle aufgestellt wurden, um den Thrill der Autofahrt zu erhöhen.
„Das sind Baken,“ sage ich. Er nickt schweigend und ich spüre, dass er etwas ausbrütet. Wahrscheinlich eine Geschäftsidee. Er hat viele davon. Es ist eine wirklich geschäftstüchtige Generation, die da heranwächst. Der Bildungskanon von früher wird gerade von der Digitalisierung geradezu ausradiert und fristet ein recht karges Dasein in den Algorithmen von Suchmaschinen, mit denen man sich jedes Wissen ausleihen kann. Der Zeitgeist hat sich der Kinder bemächtigt und die setzen sich mehr mit fragwürdigen Business-Modellen auseinander als mit den Königsdramen von William Shakespeare, auch wenn es dort genau wie bei Nicks geschäftlichen Visionen andauernd ums Scheitern und um schlechte Ideen geht. Man könnte viel lernen von Shakespeare, aber leider betreibt er keinen Influencer Channel bei Youtube.
Jedenfalls umweht meinen Sohn die Aura eines modernen Entrepreneurs. Neulich hat er die Wiederverwertung von Joghurt erwogen. Man könne aus jedem weggeworfenen Becher mindestens noch vier Gramm Milchprodukt herauskratzen. Das seien bei schätzungsweise zehn Millionen täglich in Deutschland verzehrten Bechern vierzig Millionen Gramm oder anders gesagt vierzig Tonnen reines Molkereigold. Er weiß noch nicht genau, wie man diesen Schatz heben kann, aber solche Überlegungen machen ihn ganz nervös.
Er sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz und hinter Frankfurt sagt er: „Ich werde Baker.“ Ich frage ihn, was das sei und er antwortet: „Baken-Hersteller. Ich mache Baken.“ Dann rechnet er mir vor, dass wir bereits ungefähr zweihundert Kilometer Baustelle passiert hätten mit von ihm über den Daumen geschätzten 40 000 Baken, die Gegenspur mitgerechnet. „Konservativ gerechnet,“ fügt er mit Kennerblick hinzu. Und jede Bake stünde in so einem Gummifuß, manche trügen auch noch eine gelbe Warnlampe. Wenn jedes Exemplar 100 Euro koste, seien das Waren für vier Millionen Euro. Er werde umgehend ins Bakengeschäft einsteigen.
Ich gebe nach alter Väter Sitte zu bedenken, dass diese Baken ja nun bereits dort stünden, wo sie stehen. Und dass man ja nicht andauernd Neue bräuchte. Aber auch das hat er bereits durchdacht. Er plant, Leute zu engagieren, die mit einem Schwerlaster in der Nacht sämtliche Baken umfahren. Anderntags würde Ersatz gebraucht und er liefere dann umgehend. Mein Einwand, das sei hochgradig kriminell, wischt er ebenso beiseite wie meine Frage, woher er das Startkapital nähme. Schließlich hat er ja noch nichts aus dem Molkerei-Deal erlöst. Er lächelt milde und sagt, er werde die weißen Bereiche auf den Baken als Werbeflächen vermarkten. Tausende und abertausende von Baken, aufmerksam betrachtet von Millionen von Autofahrern. Er ist entzündet von dieser Idee. Ich sage dazu nichts.
Aber als wir ankommen, sehe ich trotzdem mal nach. Im vergangenen Jahr gab es auf den dreizehntausend Kilometern deutscher Autobahn ungefähr 1400 Kilometer Baustelle. Das sind nach Nicks Rechnung 280 000 Baken im Wert von 28 Millionen Euro. Ich glaube, ich steige bei ihm ins Baken-Business ein. Die Republik muss gebakt werden.