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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.06.2021

740_Fußball mit AktivistInnen

Zehn Minuten vor Anpfiff des Spiels Deutschland gegen Ungarn klingelt es an der Tür. Ich bin auf Besuch nicht eingestellt und öffne unwillig. Vor der Tür steht meine Tochter Carla mit zwei Freunden: Fabiola und Pere. Ob man bei mir schnell was essen könne. Ich habe prinzipiell nichts dagegen, solange ich in Ruhe Fußball gucken kann. Carla sagt, sie wünsche sich sehr, dass ich ihnen etwas koche, Pasta mit meiner tollen Sauce. Aber das geht nicht. „Wenn Ihr Nudeln wollt, müsst ihr warten, bis das Spiel zu Ende ist.“ Das Trio überlegt kurz und entscheidet einstimmig, mit mir Fußball zu schauen. Erstens haben sie kein Geld für einen Restaurantbesuch und zweitens müsse man auch mal offen sein für die kleinbürgerliche Lebenswelt von Fußballprolos.
Eigentlich wäre das der geeignete Moment, diese drei gönnerhaften Pinsel an die Luft zu setzen, aber mein Kind besucht mich nicht oft genug, als das ich dafür die Kraft hätte. Aber ich lege Regeln fest: Es darf nicht geredet werden beim Spiel. Außer über Fußball. Ich hasse es, wenn Menschen während einer Ecke über ihre Gallenblase reden oder über Netflix-Serien. Carla, Fabiola und Pere akzeptieren widerwillig, auch wenn sie Regeln ganz allgemein für ein Konstrukt zur Unterdrückung der LBGTQ-Community halten. Sie schaffen es, für drei Minunten, den Rand zu halten, dann fragt Pere in die Runde, was eigentlich sei, wenn eine Transfrau, die früher mal mit einer männlichen Geschlechtsidentität gelebt hat, in der Frauen-Nationalmannschaft spiele. Ob das dann wettbewerbsverzerrend sei. Ich sage, das sei mir wurscht und Carla beschimpft mich als heteronormativen Aso.
Um nicht in der Halbzeit aus meiner eigenen Wohnung geworfen zu werden, schmiere mich an die Herrschaften heran, indem ich sie frage, ob es nicht eine gute Geste gewesen sei, dass Ronaldo die Colaflaschen vom Podium der Pressekonferenz geräumt habe. Pere zuckt mit den Schultern und bezeichnet die Aktion als heuchlerisch, weil es schlimmere Sponsoren als Coca Cola gebe. Und dann sagt er: „Sechs der zwölf Sponsoren der EM kommen aus diktatorischen Ländern, in denen die Todesstrafe gilt, in denen keine fairen Wahlen abgehalten werden und in denen die freie Meinungsäußerung konsequent unterdrückt wird. Dazu sagt dieser Lackaffe nichts. Aber regt sich über Softdrinks auf.“
Wahrscheinlich hat er recht. Aber ich traue mich nicht, Pere zu sagen, wie es ist: Ich bin selber korrupt. Die meisten Fußballfans sind korrupt. Mir wurscht, wer da wirbt, solange Sané endlich mal trifft. Und patsch, in der 68.Minute steht es 2:1 für Ungarn. Auch, weil Sané gar kein Verteidiger ist. Ich schimpfe. Pere erklärt mir, was Sane jetzt brauche, sei universelle Liebe und eine sanfte Massage des Oberbauchs.
Meine Laune rutscht in den Keller, zumal Fabiola die wichtigste Regel bricht, indem sie von einem Falafel-Stand erzählt, den sie nice findet. Ich sage, dass jetzt keine Zeit sei für Falafel. Wir könnten über Goretzka reden, aber nicht über Falafel. Ob ich nur deshalb etwas gegen Falafel hätte, weil der Buden-Betreiber Libanese sei. Ich antworte scharf, dass mir wurscht sei, was der ist, ich wolle jetzt einfach Fußball gucken. Sie findet mich patriarchalisch. Ich überlege, ob ich sie endgültig rausschmeiße, aber das wäre noch patriarchalischer.
Schließlich das erlösende Tor, Jubel bei mir, Unverständnis bei meinem Kind und seinen Freunden. Man unterstellt mir Unreife. Dann fragt Carla, wer denn der schöne Junge sei. „Kai Havertz,“ sage ich. Havertz freut sich gar nicht übers Weiterkommen. Er guckt wie der neunjährige Klaus, der gegen seinen Willen zur Standranderholung muss. Pere sagt, dass er Havertz süß fände. Carla sagt, dass er ihn auch süß fände. Und ich sage, dass ich ihn ebenfalls süß fände. Das Recht dazu wird mir klar abgesprochen, weil das nur pansexuelle Frauen oder Schwule sagen dürften, aber keine CIS-Männer wie ich. Ich reklamiere Freiheitsrechte für mich und man einigt sich schließlich darauf, dass alle Menschen das Recht haben, Kai Havertz süß zu finden, ganz gleich, welches Alter und welche sexuelle Orientierung sie haben. Ich bin erleichtert über diesen Kompromiss. Dann mache ich Nudeln.