Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.07.2021

741_Mit Mett und Maus

Man sollte Liebeskummer offiziell als Krankheit anerkennen. Die Symptome sind so schwer und der Verlauf ist derart erschöpfend, dass es nur fair wäre, den Liebeskummer mindestens auf eine Stufe mit einer Entzündung im Blasenbereich oder einer langwierigen Infektion der Bronchien zu stellen. Es müsste Ärzte geben, die darauf spezialisiert sind, Liebeskummer zu behandeln und Medikamente, die dagegen besser helfen als Alkohol.
Ein Hauptsymptom dieser Erkrankung ist unentwegtes Grübeln. Es führt immer weiter ins düstere Dickicht der Seelenpein, der Selbstzweifel und der irrationalen Schlussfolgerungen. Gute Freunde können einen ablenken, das funktioniert für eine Weile, aber irgendwann ist man doch wieder alleine und stellt sich bohrende Fragen: Warum? Was habe ich falsch gemacht? Wem gehört das Auto vor ihrer Tür? Und noch einmal und immer wieder: Warum?
Es tut mir in der Seele weh, aber Nick ist ganz fürchterlich erkrankt. Er isst nichts, er schläft kaum, er sieht aus wie ein Geist und macht sich Vorwürfe, als habe er die einzige Torchance in einem Achtelfinale versiebt. Diese Selbstbezichtigungen sind das Schlimmste. Er hätte nicht in ihrer Gegenwart rülpsen sollen. Er hätte nicht so laut lachen sollen, als sie ihm ihre Pilates-Übungen vormachte. Er hätte ihr öfter mal einen Kakao ans Bett bringen können. „Aber das sind doch Kleinigkeiten,“ sage ich. Daran kann es nicht gelegen haben.
Nick räumt ein, dass er vielleicht auch nicht auf der einen Party mit seiner Ex hätte knutschen sollen. So etwas kommt immer raus. Immer. Und nun ist Emma weg. Er hat Ideen, wie er sie zurückerobern könnte und fragt mich, ob die eine oder andere Methode zünden könnte. Leider klingen seine Vorschläge wie Einfälle aus dem RTL-Setzkasten für romantische Liebesbeweise, wie sie in „Bauer sucht Frau“ Verwendung finden, wenn etwa ein Landwirt aus Oberfranken 300 Teelichter um eine Aufschnittplatte drapiert und mit glühenden Wangen darauf hofft, seine Angebetete mit 400 Gramm Bierwurst und einem Mettigel von sich überzeugen zu können.
Nick möchte gerne Emmas Schulweg mit Blütenblättern säumen, was angesichts einer Strecke von viereinhalb Kilometern erhebliche Löcher ins Budget reißen wird. Und zwar in meines, denn er hat ausgerechnet dass er bei großzügiger Streuung der Blättchen dafür ungefähr fünfhundert Rosen benötigt. Ob ich ihm etwas pumpen könne. Ich lehne ab. Dann schlägt er vor, etwas vor ihrem Haus zu singen. Oder zu rappen. Er möchte eine Lautsprecher-Box von der Größe eines Lastwagens mieten. Ich rate ab, schließlich weiß ich aus meiner langen Lebenserfahrung heraus, dass man sich mit derartigen Aktionen furchtbar zum Obst machen kann. Ich habe einmal versucht, eine junge Frau aus Hefeteig nach zu backen und das Ergebnis mit den Worten präsentiert, das sei ein Abbild von ihr, geformt aus reiner Liebe. Sie blieb aber unerobert, zumal das Gebäck aussah wie ein dreibeiniges Erdferkel.
Ich rate Nick also, keinen Druck zu machen. Ruhig zu bleiben; sich nicht zu melden, auch wenn es schwer fällt. Ich sage ihm, er solle bei Insta ihre Posts liken, damit sie sieht, dass er noch da ist. Er könne ihr in einer Woche einen Brief schreiben. Mit der Hand. Nicht per WhattsApp. Aber um Himmels Willen keinen Druck ausüben. Und er soll sich beschäftigen. Zum Sport gehen, draußen sein, für Ablenkung sorgen. Mehr kann ich ihm nicht raten. Und auch, wenn diese Tipps langweilig sind: bessere kenne ich nicht. Wenn sie ihn doch noch mag, wird er es schon erfahren. Und wenn nicht, tja, dann dauert es noch eine Weile, es bleibt noch schwer, aber dann wird es leichter. Irgendwann.
Nick findet meine öden Ratschläge gut und ich höre zwei Stunden lang nichts von ihm. Dann steht er vor meinem Schreibtisch und teilt mit, er habe eine neue Idee: Er werde Emma wie eine Königin behandeln und ihr ein Bad in Mäusemilch anbieten. Er habe recherchiert, dass man für einen Liter Mäusemilch etwa viertausend Mäuse benötige, das mache bei einer ganzen Badewanne etwa 600 000 Mäuse. Ob ich das als Liebesbeweis nicht auch krass fände. Ich seufze und denke, dass eine der schlimmsten Symptome des Liebeskummers wahrscheinlich nicht behandelbar ist, nämlich diese völlige Beratungsresistenz.