Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.07.2021

742_Die polnische Methode

Mit meinem Sohn geht es mir ein bisschen so wie der Europäischen Union mit Polen: Man ist sich nahe, man lebt miteinander und man hat irgendwann einmal feste Regeln vereinbart. Aber sowohl Polen als auch Nick wollen sich nicht daran halten. Unser östlicher Nachbar hat zum Beispiel jüngst erklärt, Urteile des Europäischen Gerichtshofes nicht mehr als bindend zu betrachten. Man könnte auch sagen: Die polnische Regierung ist aus dem Rechtsgefüge der EU ausgestiegen. Einfach so. Eigentlich müsste man jetzt sagen: So long, Polen, mach’s gut, da ist die Tür, weiterhin viel Spaß und Erfolg im Leben. Aber das macht die EU nicht. Ich war über diese Form des Appeasements heute bei der Zeitungslektüre ziemlich sauer.
Bis mir auffiel, dass ich mich als Haushaltsvorstand nicht anders verhalte als die EU. Mein westlicher Nachbar Nick, dem ich mich schon als Vater sehr verbunden fühle, hat zwei Türen weiter eine Art Terror-Regime aufgezogen und die Regeln, die wir einst feierlich verabschiedeten, weitestgehend für unwirksam erklärt. Der polnische Präsident Duda könnte ein Praktikum bei meinem Sohn machen, wenn es darum geht, bestehende Vereinbarungen auszuhebeln. Eine davon lautet, dass der Schnaps tabu ist. Das war immer so. Ich finde, Nick und seine Kumpels sollen gefälligst Bier trinken. Das sehen die aber anders.
Als ich kürzlich von einer Reise zurückkam, war mir nach Gin Tonic. Meine Lieblingssorte Gin verfärbt sich auf magische Weise, wenn man Tonic Water hineingießt. Ich füllte vier Eiswürfel in ein Glas, schüttete einen Schluck aus der Ginflasche hinterher und dann das Tonic. Aber es verfärbte sich nichts. Außerdem schmeckte das Getränk stark nach Wodka.
Ich nahm das Glas mit in Nicks Regierungssitz und sagte: „Ihr habt den Gin ausgetrunken und zur Vertuschung dieser Straftat billigen Wodka in die Flasche gefüllt.“ Er bestritt die Tat und schob alles auf die Putzfrau. Ich könne nichts beweisen. Und deswegen könne auch keine Anklage erhoben werden und zudem sei der Gin von mir deutlich überbewertet. Ich bestand auf der Einhaltung der Hausordnung und er entgegnete, dass die Hausordnung veraltet sei.
Ich muss zugeben, dass ich damals alle Gesetze alleine entwarf und er hatte sie zu akzeptieren. So ähnlich wie die Polen, die ja auch nicht unter den Gründungsmitgliedern der EU waren. Aber das gibt ihnen und ihm noch lange nicht das Recht, die Handtücher auf den Boden zu schmeißen. Wie im Hotel. Dort steht immer, dass man der Umwelt zuliebe die Handtücher aufhängen möge. Wer neue haben will, soll sie auf den Boden werfen, dann werden sie ausgetauscht. Demzufolge will Nick drei Mal am Tag frische Handtücher. Er wischt auch nie das Waschbecken aus und er entfernt weder seine noch die Haare seiner Freundin aus dem Abfluss in der Dusche. Wenn ich ihn darauf anspreche, sagt er, es handele sich nicht um seine Handtücher. Und auch nicht um seine Haare. Und er habe meine Zahnpasta nicht. Meistens mache ich mich dann zum Willi und führe lange Beweisketten. Ich zeige ihm, dass in meinem Bad die Zahnpasta fehlt oder ich halte das schwarze Haar aus der Dusche ans Licht, um zu zeigen, dass es sich um ein achtzehnjähriges Frauenhaar handelt.
Wenn er Klopapier benötigt, holt er es nicht aus dem Vorratsraum, wo ich beträchtliche Mengen davon aufbewahre für den unwahrscheinlichen Fall, dass es mal zu einer Pandemie kommt. Er geht stattdessen in mein Bad und nimmt mein Klopapier, weil er auf diese Weise drei Meter Fußweg spart. Das hat mir schon oft große Aha-Erlebnisse verschafft und breitbeiniges Gestampfe durch die Wohnung zum Vorratsraum.
Er fand das lustig, bis ich neulich unsere Kochstelle zum Krisenherd erklärt habe. Er hatte dort mit seinen Freunden einen kleinen Mitternachtssnack zubereitet, was anderntags aussah, als hätten sie mit einem Kärcher und zehn Litern Tomatensauce Kunst gemacht. Ich erklärte Nick, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, an dem man mal darüber nachdenken müsse, ob diese Wohnung für ihn noch das Richtige sei. Und was soll ich sagen: Abends stand eine Flasche von meinem Lieblings-Gin auf dem Schreibtisch. Und ein Brief mit der Ankündigung, nach diesen Drohungen weitgehend einzulenken. Mit Bedauern. Und Zerknirschung. Vielleicht sollte man solche Gespräche auch mal mit Polen führen.