Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.07.2021

743_Wasserhahn zu?

Wenn sich ein Gerät bei mir mit Konversation aufdrängt, werde ich sehr schnell ungehalten. Ich finde schon Menschen meistens zu geschwätzig und würde generell gerne viel weniger Gespräche führen. Und auf keinen Fall würde ich mir einen dieser Quatschkästen mit eingebauter Spionagetätigkeit kaufen, denen man befiehlt, welche Musik sie spielen sollen und die man fragt, wie das Wetter in Kassel ist.
Ich bekomme zu viel, wenn mein Auto wissen will, ob ich zur nächsten Tankstelle fahren möchte. Oder Programme im Rechner, die besorgt nachfragen, ob ich sicher bin, wenn ich sie beenden will. Ja, ich bin sicher. Diese pseudobesorgten und letztlich auf Herrschaft getrimmten Allüren der Algorithmen gehen mir gewaltig auf den Keks. Warum gibt es Armbanduhren, die einem sagen, dass man heute noch 1300 Schritte tun muss, zu wenig getrunken hat und das neue Album von den Kastelruther Spatzen bestellen kann?
Das Blöde am Dialog mit Geräten ist die Einseitigkeit der Kommunikation. Man kann seiner Armbanduhr natürlich ein schwungvolles „Lecko mio“ entgegenbellen, aber sie wird nicht darauf reagieren. Im Gegenteil. Sie wird eine Stunde später mitteilen, dass die Milch im Kühlschrank in einer Woche abläuft. Es juckt sie null, dass man sie nicht mag. Man kann Künstliche Intelligenz nicht beleidigen, schon weil sie keinen Humor hat. Und keinen Charme. Sie kann sich merken, welche Musik ich gerne höre. Aber das kann ich mir auch merken, dafür brauche ich keine digitalen Besserwisser.
Und nun quatscht mich meine Waschmaschine voll. Wenn sie wenigstens etwas Nettes sagen würde, so etwas wie: „Du siehst heute fabelhaft aus“. Oder: „Ich wünschte, ich wäre eine Geschirrspülmaschine, dann würden wir uns öfter sehen“. Aber für so etwas ist sie zu doof. Jedes Mal, wenn sie wäscht, piept sie 26 Minuten vor dem Ende und auf dem Display steht „Wasserhahn zu?“ Ja wie? Natürlich nicht. Warum sollte der Wasserhahn zu sein? Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, den Wasserhahn hinter der Waschmaschine zu schließen. Was soll also die Frage, zumal die Waschmaschine bereits seit einer Stunde läuft, und zwar unter reger Beteiligung vieler Liter guten Leitungswassers aus dem Wasserhahn.
Da ich nicht weiß, was man jetzt tun soll, drücke ich die Starttaste und es geht weiter. Bei der nächsten Wäsche dasselbe. Die Maschine piept und fragt: „Wasserhahn zu?“ Starttaste. Weiter. Jedes Mal. Nach drei Wochen stehe ich wie der innerlich rasende Taxi Driver Travis Bickle vor der Maschine. Sie fragt: „Wasserhahn zu?“ und ich antworte: „Redest Du mit mir? Du laberst mich an? Kann das sein, dass Du mich meinst? Du redest mit mir? Ich bin der Einzige, der hier ist. Mit wem kannst Du Arsch in diesem Ton reden?“
Und die Waschmaschine sagt: „Ich mein ja nur, vielleicht rufst Du mal den Kundendienst an. Ich weiß auch nicht, warum das immer in meinem Display steht.“ Darauf setze ich mich an den Rechner und lese zunächst einmal sämtliche Foren-Beiträge zum Thema „Wasserhahn zu“. Dabei fällt auf, dass niemand mein Problem hat. Bei den anderen Leuten bleibt die Wäsche trocken, weil nun einmal der Wasserhahn zu ist. Aber bei mir wird die Wäsche nass und die Maschine stoppt nur, um mir ihre sinistre Frage zu stellen. Schließlich rufe ich beim Kundendienst an, der sich sehr geduldig mein Problem anhört. Dann sagt der Herr: „Vielleicht drehen sie mal den Wasserhahn auf.“
„Der Wasserhahn ist auf,“ rufe ich. „Er hat Druck wie ein russischer U-Boot-Matrose und die Wäsche wird tadellos eingespült.“
Der Mann sagt, ich könne ja mal die Filter am Wasseranschluss reinigen und schauen, ob ein Schlauch eingeklemmt ist. Habe ich aber alles schon gemacht. Er schlägt vor, entweder den Kundendienst zu bestellen oder die Sache zu ignorieren. Eigentlich hat er null Ahnung von der Psyche meiner Waschmaschine. Ich baue mich vor ihr auf und sage laut: „Wenn Du noch einmal fragst, ob der Wasserhahn zu ist, bringe ich Dich um.“ Dann lege ich Wäsche ein. Nach einer Stunde piepst es. Ich gehe zur Maschine. Und auf dem Display steht nicht „Wasserhahn zu?“. Sondern einfach nur „E:17“. Das Ding macht mich fertig.