Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.07.2021

744_Von den Jungen lernen

Manchmal reagiere ich empfindlich auf die Schlauheit meiner Kinder. Wenn die über irgendein Thema mehr wissen als ich, bedeutet das nämlich zwangsläufig, dass ich weniger weiß als sie. Ich bin verunsichert, wenn mein Sohn mir die Funktionsweise einer Feststoffbatterie erklären will. Oder den Zusammenhang zwischen K-Pop und League of Legends. Es wäre theoretisch möglich, dass es sich bei Feststoffbatterien oder K-Pop um relevante Themen handelt. Und bei denen sollte man mitreden können. Kann ich aber nicht. Und das unterminiert meine soziale Stellung in der Familie.
Ich könnte natürlich Nicks Wissensvorsprung aufholen, ihn dabei überrunden, nur: Ich habe ehrlich gesagt keinen Bock. Ich lasse allmählich abreißen. Mir sind manche Themen einfach wurscht. Künstliche Intelligenz. Such-Algorithmen. Casting-Shows. Die Vorteile der PS5. Neue Navigations-Programme. Ich nehme für mich das Recht in Anspruch, nicht mehr überall mitzumischen, keine Meinung mehr zu Dingen zu haben. Ich lehne sie deshalb nicht ab, denn ich bin kein Stiesel. Und früher war keineswegs alles besser. Aber manchmal fühle ich mich gerade dann wohl, wenn ich gar nichts weiß. Ich genieße es, mich nicht mehr mit neuen Apps zur Steigerung meiner Produktivität beschäftigen zu müssen.
Bei meinen Kindern manövriere ich mich mit dieser Haltung direkt aufs intellektuelle Abstellgleis. Und das ist kein schönes Gefühl. In früheren Zeiten war ich für sie noch ein Guru, der unvorstellbare Tricks drauf hatte. Mäuseöhrchen mit Schnürsenkeln machen und ineinander verschlingen. Ich wusste so unfassbar viel und die Kinder profitierten sehr von meinen Fachkenntnissen. Sie staunten darüber, dass ihr Vater Grillkohle anzünden und über Zweihundert auf der Autobahn fahren konnte. Sie waren begeistert von meiner Fähigkeit, mithilfe einer ganz simplen Kreditkarte neue Jeans zu erwerben und sie mochten es sehr, wenn ich ihnen wichtige Dinge wie die Abseitsregel erklärte, oder wo die Babies herkommen. Inzwischen haben sie von Letzterem wahrscheinlich mehr Ahnung als ich.
Mein Sohn ist aber nicht nur besser informiert, er ist auch ziemlich ungeduldig mit mir, was mich ebenfalls dauernd alt aussehen lässt. Gestern hat er mich darauf hingewiesen, dass es nicht Eidechse hieße, sondern Eid-Echse. Man sage ja auch nicht Riese-Nechse, sondern Riesenechse. Und dann bat er mich noch darum, nicht mehr von einem Rückrad zu sprechen, wenn ich das Rückgrat meine. Das ist übrigens der junge Herr, der vor kaum sechzehn Jahren noch Brabbie sagte, wenn er Erdbeere meinte.
Seine Kenntnisse über das Leben bezieht er aus hunderten von Youtube-Kanälen, die ihn dazu befähigen, mir wertvolle Tipps zu geben, damit ich besser klarkomme. Irgendwann zieht er ja aus und dann bin ich auf mich selbst gestellt. Mein achtzehnjähriger Sohn findet es daher angebracht, mich ein wenig auf das Leben als Erwachsener vorzubereiten. Er stellt sich vor mich und zeigt mir, wie die Affen eine Banane öffnen, nämlich genau anders herum als wir. Affen sind sehr klug. Wenn man eine Banane unten aufmacht, zermatscht sie nicht am Stengel. Ich bin für diese Erkenntnis ebenso dankbar wie für Nicks Erläuterungen zu dem Loch im Kochlöffel. Da passt nämlich genau eine Portion Spaghetti durch. Das ist mir aber egal, ich brauche dieses Loch nicht, denn Nick besteht darauf, immer eine ganze Packung zu kochen. Für sofort und für später gegen 23 Uhr, wenn der kleine Abendhunger kommt.
Er erläutert mir, dass nur 3 Prozent der Meere erforscht seien, was er sich vielleicht ausgedacht hat. Es könnten auch neun oder siebzehn sein und das wäre immer noch beeindruckend. Und er trägt seine Unterhosen auf links. Das habe ich eben gesehen und ihn darauf angesprochen. Er hat mir erklärt, das sei Absicht und diene der Steigerung der Lebensqualität. Man habe ja die dicken Nähte immer auf der Haut. Und das sei unbequem, besonders bei enger Kleidung wie Unterhosen. Man könne sie wesentlich komfortabler tragen, wenn man sie umdrehe und das sei kein Problem, denn es würde niemand davon Notiz nehmen. Außerdem kitzele dann das Fähnchen nicht so. Leute. Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich werde es ausprobieren, denn mein Fähnchen kitzelt. Ich werde verrückt.