Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.08.2021

745_Eine kleine Kandidaten-Kür

Nach wie vor habe ich keine Ahnung, welcher der männlichen Kandidaten oder ob vielleicht Frau Baerbock die richtige Besetzung für die Regierungsspitze ist. Das ist deshalb so schwer herauszufinden, weil bisher im Wahlkampf so wenig von Politik die Rede ist. Bisher kann man nur wenig mehr als dies sagen: Annalena Baerbock hat schlechte Presse, Olaf Scholz hat ein schlechtes Gedächtnis und Armin Laschet hat gute Laune.
Was wäre wohl gewesen, wenn Markus Söder statt seiner angetreten wäre? Es wäre womöglich tatsächlich polemisch, vielleicht populistisch aber auf jeden Fall politisch geworden. Söder ist in diesen Tagen übrigens nicht zu beneiden, denn er muss sich mit Hubert Aiwanger herumschlagen. Der ist von den Freien Wählern und er ist ein Mensch gewordener Melkschemel. Das wäre normalerweise nicht schlimm, aber er ist auch stellvertretender Ministerpräsident von Bayern. Und das ist schon ein Problem gerade.
Während nämlich sein Chef überall dafür wirbt, dass sich die Leute impfen lassen, bleibt Hubert „Opfisaft“ Aiwanger lieber ungeimpft, weil das seine Privatsache ist. Am liebsten würde der Impfgegner Aiwanger sich ein Pappschild malen und am Wochenende für den Rücktritt der bayerischen Landesregierung demonstrieren. Aber dafür hat er keine Zeit, weil er da andauernd mitregieren soll. Markus Söder hätte ihn mit einer Kanzlerkandidatur endlich hinter sich lassen und nach Berlin umziehen können. Hat er aber nicht. Und deshalb müssen wir uns jetzt jeden Tag Armin „Grinsekatze“ Laschet ansehen.
Und ich weiß immer noch nicht, wenn ich wählen soll. Also frage ich meine Kinder. Sie sind Erstwähler, die Hoffnung unseres Landes sozusagen. Unbestechlich und frisch in der politischen Wahrnehmung. Wobei Carla schon vor vier Jahren wählen durfte, aber sie verschlief den Termin und niemand hat ihr gesagt, dass man kurz nach dem Aufstehen um 19:20 seine Stimme für sich behalten kann. Egal. Ich spreche mit ihnen über das Angebot und sie sind insgesamt wenig begeistert.
Nick sagt, Olaf Scholz sehe aus wie ein Panzerknacker. Das macht ihn für meinen Sohn erst einmal sympathisch, weil Nick alle Figuren aus Entenhausen irgendwie mag. Ich persönlich würde den erfindungsreichen und hochmotivierten Daniel Düsentrieb ja politisch den Panzerknackern vorziehen, aber Daniel Düsentrieb hat keine Entsprechung unter den Kandidaten. Auch Sara Wagenknecht findet Nick top. Die könne er sich vorstellen, auch als Partnerin. Ich informiere ihn darüber, dass Sara Wagenknecht gar nicht kandidiert und zudem eher auf ältere Typen steht, worauf sein Interesse jäh zusammenbricht, sodass seine Schwester ihn toxischer Männlichkeit bezichtigt und sich angeekelt wegdreht.
Sie selbst votiert für Annalena Baerbock. Und zwar aus Prinzip. Nick hält dagegen, dass die Grünen-Chefin ungefähr so viel Autorität ausstrahle wie die Pausenaufsicht einer städtischen Gesamtschule. Er könne sich gut vorstellen, dass sie, falls sie gewählt wird, immer durchs Kanzleramt geht und den Leuten sagt, sie sollten mal das Papierchen da vorne aufheben. Wladimir Putin würde so eine Kanzlerin einfach zum Frühstück verspeisen. Eine grauenhafte Vorstellung, finde ich. Unsere Annalena aus Hannover im Magen eines russischen Despoten. Armin Laschet kann bei beiden Erstwählern nicht punkten, was nicht nur, aber auch an seinem Pfeife nuckelnden Fashion-Influencer-Sohn liegt, der als laut Carla fast noch cringer sei als der Vater und von ihr als Platzpatrone bezeichnet wird.
Das bringt mich leider alles nicht weiter. Noch nie wurde weniger über Inhalte gesprochen als im Moment. Ich werde wohl einfach tun müssen, was die Kandidaten bisher vermieden haben. Ich werde ihre Programme lesen.