Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.08.2021

746_Mensch und Tier und Auto

Was wir auch verlernt haben: Tiere als Tiere zu betrachten. Das fiel mir zuletzt bei zwei Gelegenheiten auf. Letzte Woche wunderte sich der vierjährige Oskar aus dem Nebenhaus darüber, dass der Hund unserer Nachbarn gar nicht sprechen kann. Oskar kennt aus dem Fernsehen und dem Internet praktisch nur sprechende Tiere. Die weitgehende Disneysierung unserer Gesellschaft verhindert bei ihm die dringend nötige Einsicht in den Unterschied zwischen Wesen mit und Geschöpfen ohne Bewusstsein. Der ist aber wichtig, weil er unsere Verantwortung gegenüber der Natur definiert. Nur wir Menschen wissen, dass wir alle Lebewesen schützen müssen. Der Mops von nebenan weiß nur, dass er Hunger hat.
Und vorgestern hörte ich dann im Fernsehen eine deutsche Olympionikin über ihr Pferd reden. Man konnte meinen, zwei Menschen hätten gemeinsam eine Medaille gewonnen. „Mandy ist eine absolute Kämpferin. Das hat sie die ganze Woche gezeigt,“ sagte die Reiterin und fügte hinzu: „Ich glaube, sie wusste, worauf es heute ankommt.“ Äh. Wer jetzt? Mandy! Mandy ist das Pferd. Und das Pferd wusste, dass es bei den olympischen Spielen mitmacht? Und dass es im Finale ist? Und dass es da keinen Fehler machen darf? Echt jetzt?
Ähnlich verstörend finde ich Leute, die von ihrem Hund behaupten, er verstehe jedes Wort, dass sie sagen. Oder Katzenliebhaber, die ihren Tieren menschliche Charakterzüge wie Geiz oder Humor zusprechen. Diese merkwürdige Haltung gegenüber den Tieren erhält eine besondere Ambivalenz dadurch, dass wir uns einerseits brüsten, eine enge Verbindung zu den Tieren zu haben, aber andererseits Massentierhaltung und das industrielle Töten unserer angeblichen Freunde ohne weiteres zulassen.
Ähnlich verbunden wie den Tieren sind wir den Autos. Die werden ebenfalls gerne vermenschlicht. Da nehme ich mich nicht aus. Ich besaß einmal eine Ente, die ich im Winter beschimpfte und bedrohte, weil ihr Motor bei Temperaturen unter vier Grad nur ansprang, wenn man ihn ankurbelte. Der 2CV hat nie auf meine Beleidigungen geantwortet. Er sprach praktisch gar nicht. Aber ich unterstellte ihm ein infames Wesen.
Inzwischen ist meine Beziehung zu Autos recht pragmatisch und ich habe schon sehr lange nicht mehr mit einem gesprochen. Wir haben eher so eine Art Versorgungsbeziehung. Ich gebe ihm Benzin, er fährt mich durch die Gegend. In letzter Zeit denke ich öfter daran, ein neues Auto zu kaufen. Ich frage mich dann, ob ich das tatsächlich wirklich, also echt machen soll. Und wenn ja, was für eines.
Die Frage nach dem Warum stellt sich zum ersten Mal. Bisher war es so, dass ich alle vier bis fünf Jahre das Auto gewechselt habe. Aber plötzlich erscheint mir das nicht mehr so angesagt. Wegen Klima. Ob ich ein Elektrisches kaufen soll? Oder noch warten? Oder doch Benzin? Und welches Modell? Das ist noch komplizierter, denn die Autos, die mir gefallen, kann ich mir nicht leisten. Und jene, die ich mir leisten könnte, gefallen mir nicht. Am schlimmsten derzeit: BMW. Die Autos dieser Marke sehen inzwischen aus wie Handfeuerwaffen mit Rädern: sinnlos brutal und technoid. Auf der anderen Seite der Skala die geradezu provozierend langweilige Formensprache bei Volkswagen. Und dann die Innenräume bei fast allen Marken. Als säße man in einer rollenden Spielothek. Schrecklich, grässlich, geschmacklos und billig ist das alles.
Wenn man diese modernen Autos vermenschlicht, muss man sagen, dass sie sich verhalten wie Dorftrottel aus der industriellen Drückerkolonne der Mobilität. Aber: Autos sind noch nicht so schlimm wie Fruchtfliegen. Fruchtfliegen sind gemeine geflügelte Pestbeulen, geboren, mir auf die Nerven zu gehen. Das machen die mit Absicht. Die Schweine.