Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.08.2021

748_Gelierte Gedanken bei klebriger Konfitüre

Die Erforschung von Wegen zu sich selbst gehört zu den drängenden Aufgaben in unserer Gesellschaft. Früher nahmen sich die Menschen für so etwas keine Zeit, weil sie eine ziemlich dichte Agenda abzuarbeiten hatten. Die Kuh musste gemolken werden, die Glocke in der Kirche hatte pünktlich zu bimmeln und zwischendurch musste man noch sein Kind aus dem Weidezaun pfriemeln. Man hatte sich selten im Blick und vielleicht war das ganz gut.
Ich hingegen muss bloß Marmelade kochen und habe weiter nichts zu tun. Es ist ein sehr befriedigender Vorgang. Man pflückt die Feigen, schält und zerkleinert sie, schüttet sie mit Zucker und Pektin in einen Topf und sieht dabei zu, wie sie in eine neue Existenz finden. Und da ich sonst praktisch ohne Job bin, lasse ich die Gedanken schweifen. Ein Privileg, das unsere Altvorderen wie gesagt nicht hatten.
Sie waren eben unfrei und das kann eine Gnade sein. Von dem Musiker Peter Gabriel stammt in diesem Zusammenhang der Satz: „Das Schlimmste, was Du einem Künstler antun kannst, ist, ihm zu viel Freiheit zu gewähren.“ Ich halte das für absolut richtig, zumal ich mich seit Wochen mit einem Drehbuch herumquäle, welches einfach nicht fertig wird. Und warum wird es nicht fertig? Weil es nicht fertig werden muss. Ich wäre viel schneller damit, wenn der Auftraggeber mir den rechten kleinen Finger amputieren dürfte, wenn ich nicht in Ende nächster Woche liefere. Freiheit ist schön, behindert jedoch den kreativen Prozess.
Der Zucker und das Pektin sind in der Zwischenzeit in die Früchte gezogen, die Pampe lässt sich schon rühren, aber die Feigen fallen noch nicht auseinander. Der nächste Gedanke bei der Beobachtung dieses Zerfallsprozesses besteht aus einer heiklen Frage: Ist es sexistisch, wenn man sich über poppende Schildkröten beömmelt? Nick hat der ganzen Familie beim Frühstück ein Video gezeigt, in dem kopulierende Riesenschildkröten zu sehen und vor allem zu hören waren. Der Schildkrötenmann klingt beim Sex wie ein Berliner Busfahrer beim vergeblichen Versuch, eine Haltestelle verständlich anzusagen: Öööörrrrg. Das sorgte für enorme Heiterkeit am Tisch. Öööörrrrg.
Nur unsere Tochter Carla fand es widerlich, dass wir uns über diese unschuldig liebenden Kreaturen erhoben. Unser Gegacker sei sexistisch und außerdem tierfeindlich. Das kann man diskutieren, denn den Schildkröten wird es vollkommen schnuppe sein, ob wir über ihre Sexgeräusche lachen. Carla engagiert sich also wie so häufig für eine gesellschaftliche Minderheit, die sie nicht darum gebeten hat. Andererseits: Was würden wir wohl davon halten, wenn sich eine Gruppe topgelaunter Schildkröten einen deutschen Porno im Internet ansähen und darüber kichern würden? Fänden wir das nicht auch überaus unpassend und beleidigend? Die Früchte lösen sich auf und ein zarter Schaumfilm bedeckt die Brühe. Jetzt muss ich rühren. Und dabei weiter nachdenken, nun über die Frage, ob ein Schizophrener mit sich selber Stein, Schere Papier spielen kann. Und warum der Wasserdruck in den Hähnen des Ferienhauses so lächerlich gering ist. Nick kommt rein und ich sage ihm, dass wir den italienischen Klempner anrufen müssen. Schon der Gedanke daran überfordert mich total. Darauf schraubt Nick wortlos den Syphon ab, spült kleine Krümelchen aus dem Gitter, schraubt es wieder ein und es kommt ein satter Strahl. Er nennt mich einen armen Boomer.
Die Marmelade ist fertig und ich schütte sie in Gläschen. Wieder eine Aufgabe erledigt. Wieder ein paar Weltprobleme gelöst. Öööörrrrg.