Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.08.2021

749_Plattes Pollo mit flacher Fanta

Manchmal macht mich mein Sohn echt fertig. Da stehen wir nebeneinander in der Küche und er fragt vollkommen beiläufig: „Sag mal, was macht man eigentlich mit diesem weißen Gummiball, der noch in der Tüte ist, wenn man den Mozzarella getrunken hat?“ Ich brauche in solchen Situationen einen Moment, bis ich kapiere, dass es sich erstens um eine Scherzfrage handelt und ich zweitens gerade darauf geprüft werde, ob ich tatsächlich ernsthaft darauf antworte.
Noch bestehe ich den Test. Und ich reagiere richtig, wenn Nick den Rest seines Bieres mehrfach als „Uwe“ bezeichnet. Er wartet ungeduldig darauf, dass ich frage, was damit bitteschön gemeint sei und wenn ich frage, antwortet er fröhlich, UWE stehe für „Unten wird’s eklig.“ Da hat er Recht. Ich habe einige Jahrzehnte benötigt, um zu derselben Einsicht zu gelangen und meistens vergesse ich sie, besonders, wenn es Abends lustig ist.
Ich brauche zwar länger, um einfache Sachverhalte zu verstehen, aber wenn ich mal etwas weiß, dann weiß ich es für immer. Dies führt zu Konflikten mit Nick, der ein schrecklicher digitaler Klugscheißer ist. Was immer man äußert, es wird einem sofortigen digitalen Faktencheck unterzogen. Gestern Abend behauptet er, dass das Kiffen in den USA erlaubt sei. Ich erwidere, das sei in ein paar Staaten der Fall, aber nicht in allen. Also sieht er nach. Ergebnis: In 18 Staaten ist das Kiffen legal. Er behauptet, das sei ja praktisch überall. Ich sage, es sei ein gutes Drittel aller Staaten. Er sieht nach. Und so geht das immer weiter.
Aber ich will mich nicht beschweren, immerhin bleibt die Konversation friedlich. Ich bin dafür sehr dankbar, besonders seit der Abreise von Friedrich. Dieser wurde mir vor dem Besuch seiner Familie als geistreicher und charmanter Zehnjähriger angekündigt, wirkte auf mich jedoch wie eine Mischung aus Erich Mielke und einem gusseisernen Schirmständer. Kaum im Ferienhaus angekommen, beschwerte sich der kleine Griesgram über das langsame Internet. Seine Handyspiele liefen nur in einer Ecke des Wohnzimmers, sodass er dort neben der Gardine Stellung bezog und die nächsten sechs Stunden nicht weiter auffiel.
Abends gingen wir in ein Restaurant und es wurde Fanta für Friedrich bestellt, weil er nichts anderes trinken könne. Allerdings müsse die Fanta ohne Kohlensäure sein. Zuhause schüttele man die lebensgefährlichen Blasen aus dem Getränk. Friedrichs Vater bestellte nun „Fanta senza Frizzante“, was den Kellner erst verwirrte, dann sichtlich erheiterte und im Ergebnis überforderte. Jedenfalls enthielt die Fanta dann doch Sprudel, was Friedrich dazu veranlasste, mit düsterer Miene zu verkünden, er werde nun gar nichts trinken.
Da er ausschließlich Pommes und Hühnchen zu sich nimmt, wurde dann Pollo für ihn bestellt. Das Pollo kam aber nicht in der gewünschten Darreichungsform. Friedrich erwartete panierte und in Form gepresstes Geflügel, wie er es von zuhause kennt. Ich vermute, dass er sich Hühner als gefiederte Würfel vorstellt. Geliefert wurde jedoch ein plattgedrücktes und gegrilltes Hühnerfilet mit Zitrone und Bratkartoffeln, dass eher aussah wie eine Scholle. Für Friedrich nach den Unzumutbarkeiten des Tages eine finale Beleidigung. Er warf sich auf den Boden, krümmte sich und bot eine schauspielerisch einwandfreie Panikattacke. Danach setzte er sich wieder hin und starrte bitter wie ein zum Tode verurteilter Partisan auf den Tisch. Ich sah zu meinem Sohn herüber, er zwinkerte mir zu und stieß mit mir an. Er sagte „Uweeeee“ und lachte. Mein Gott bin ich froh, dass meine Kinder groß sind.