Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.09.2021

750_ABBA ohne Gnade

Bei der Durchsicht der Zeitungen aus den letzten vier Wochen stelle ich fest, dass das Lastenrad in meiner Abwesenheit ein echtes Thema in Deutschland war. Komisch, womit wir Deutschen uns befassen, während es vermeintlich Wichtigeres gäbe. Andererseits sind diese dicken Fahrräder hier im Haus schon seit Monaten allgewärtig und Quelle immer neuen Verdrusses. Wir haben hier drei. Lastenräder sind die SUVs unter den Fahrrädern. Sie nehmen ziemlich viel Platz weg und sie werden selten für den Einsatz in unwegsamem Gelände benötigt. Ich konnte gut ohne Lastenräder in der Nachbarschaft leben. Aber ich kam auch fabelhaft ohne ABBA aus.
Aber ABBA kommt jetzt wieder zurück und das Feuilleton jubelt. Ich kann mir das nur damit erklären, dass die Redakteure die Pein vergessen haben, die diese Musik erzeugt. Das ist wie bei einer Geburt. Da verdrängen die Frauen auch bald danach, wie groß die Schmerzen waren. Wäre das nicht so, wäre die Menschheit schon ausgestorben.
Wahrscheinlich bin ich Angehöriger einer winzigen Minderheit, aber ich fand ABBA immer schon absolut grauenhaft. Total scheußliche Musik für Menschen mit dicken Katzen und Kratzbäumen in der Wohnung. Und Rattan-Möbel. Am Ende waren die Mitglieder zerstritten und trennten sich, was ich eine große humanitäre Geste fand. Das ist neununddreißig Jahre her. Ihre Platten verkauften sich weiterhin, es gab ein Musical und einen Film, man konnte das gut ignorieren. Und nun kündigen sie eine neue Platte und eine Tournee an. Man fragt sich wirklich, warum das sein muss. Haben wir denn nicht genug schicksalhafte Nachrichten gehört in der letzten Zeit? Hört denn dieser Strom von schrecklichen Neuigkeiten niemals auf? Ich habe mir dann gestern die neuen Songs von ABBA angehört und man kann sagen, dass die Gruppe exakt dort weitermacht, wo sie vor knapp vier Jahrzehnten aufgehört hat. Schwer zu sagen, ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist. Gut daran ist auf jeden Fall die Verlässlichkeit der Qual. Man weiß, was man bekommt. Schlecht ist der Eindruck, dass den ABBA-Komponisten Björn und Benny ganz offensichtlich der Blutdurst nicht abhandengekommen ist. Sie wollen, sie müssen Leute wie mich quälen.
Bald beginnt der Vorverkauf für die Konzerte, an denen die Mitglieder von ABBA übrigens nicht persönlich teilnehmen. Sie lassen sich laut Pressemeldungen von 3D-Animationen vertreten. Das finde ich ausgesprochen klug, denn auf diese Weise müssen sie sich den Käse nicht selbst anhören und können zuhause das Kaminbesteck reinigen oder treiben, was man so treibt, wenn man die Welt mit „Chiquitita“ und „Fernando“ ins Inferno gestürzt hat.
ABBA folgt mit dem Einsatz von leblosen Avataren bei öffentlichen Auftritten einem Trend, den die SPD im Wahlkampf gesetzt hat. Sie schleppt gerade eine Sprechpuppe in einem etwas zu großen Anzug von Fernsehstudio zu Fernsehstudio. Das Modell Olaf macht seine Sache nicht schlecht, das muss man sagen. Der echte Scholz wird jedenfalls jetzt in quälenden Übungsseminaren darauf trainiert, wenigstens halb so lebendig zu wirken wie der Roboter, den sie neulich beim Triell eingesetzt haben.
Doch am Ende wird er keine Chance gegen Laschet haben. Der ist tatsächlich der erste Bewerber für das Kanzleramt mit einem komplett gegenderten Vornamen. Eigentlich sollte er nach seiner Geburt im Jahr 1961 „Arm“ heißen, aber seine Mutter hat sich durchgesetzt. Armin Laschet. Moderner geht’s nicht.