Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.09.2021

751_Eingetuppert und eingedost

Mein ökologischer Fußabdruck ist nicht groß, glaube ich. Zum Beispiel benötige ich zwei Jahre für eine Rolle Aluminiumfolie. Verglichen mit dem Aluverbrauch einer durchschnittlichen Pommesbude ist das ein kaum messbarer Bedarf. Ich habe mal durchgerechnet, was so ein Imbiss allein benötigt, um den Herd mit Folie auszulegen, damit nach Feierabend das Putzen vermieden werden kann. Geht man davon aus, dass hier zwei Meter Alu schnell abgerissen sind und nur ungefähr 1000 Imbissbuden von dieser Methode Gebrauch machen, gehen in Deutschland zwei Kilometer Alufolie dafür drauf. Pro Tag. Oder siebenhundertdreißig Kilometer im Jahr. Und das ist noch konservativ gerechnet. Vielleicht machen das auch 2000 Pommesbuden und 40000 weitere Restaurantküchen. Wer weiß das schon. Es sind auf jeden Fall gewaltige Mengen. Was ist dagegen schon der Fitzel, den ich vorhin abgerissen habe.
Aber ich muss mich mit Carla herumschlagen, die in meiner Küche rumkrakeelt und mir mit der Alurolle in der Hand droht. Meine Tochter hat beschlossen, die Nudeln, die ich ihr zubereitet habe, mit nach Hause zu nehmen. In Ermangelung einer Tupperdose habe ich sie in Alufolie eingeschlagen und damit ihre woke Seele in Wallung versetzt. Was ich mir eigentlich DABEI dächte, schimpft sie. Unfassbar. Nur Boomer wie ich verpacken Essen IMMER NOCH in Alufolie.
„Worin denn sonst?“ barme ich. Ich habe überhaupt nicht für möglich gehalten, dass man sich so darüber aufregen kann. Aber ich verstehe auch nicht, warum sich Menschen darüber echauffieren, dass Armin Laschet in alten Lederschuhen zum Flutgucken geht. Was soll der arme Tunichtgut denn sonst anziehen? Flip-Flops?
Jedenfalls schimpft mein Kind mal wieder mit mir. Wegen dreißig Zentimetern Alufolie. Ich sage, dass das doch gar nichts sei, völlig unbedeutend. Sie sagt: „Und ein Strohhalm aus Plastik ist auch nichts, oder?“ Für sich genommen nicht, denke ich, aber ich wage nicht, dass zu sagen. Sie fügt hinzu: „Ein Strohhalm ist tatsächlich nichts, aber in Deutschland kommen übers Jahr gerechnet 40 Milliarden dieser Nichtse zusammen.“ Das wusste ich nicht und es ist eine gewaltige Menge. Wenn ein solcher Halm ein Gramm wiegt, sind das vierzigtausend Tonnen Plastikröhrchen. Viele von den Dingern landen am Ende im Meer und in den Bäuchen von Fischen und Vögeln. Das lässt sich nur verhindern, wenn es keine Trinkhalme aus Kunststoff mehr gibt. Gar keine. Nirgendwo.
Und eine Portion Nudeln in Alufolie ist auch nichts. Aber wenn eintausend Münchner Väter mit kleinem ökologischen Fußabdruck jeden Tag eintausend mit Liebe zubereitete Nudelgerichte in Alu einwickeln, entsteht ein riesiger Berg von Alumüll. Carla redet sich in Rage und befiehlt, dass ich ihr nie wieder mit Alufolie kommen solle. Und meine Haare darf ich nur noch zwei Mal pro Woche waschen. Fenster müsse man gar nicht putzen und ein Auto bloß einmal im Jahr. Ich antworte, dass ich keine Lust hätte, mir alles verbieten zu lassen, was Spaß macht. Ich fahre irrsinnig gerne durch die Waschanlage. Es ist so ziemlich das einzige Abenteuer, das ich mir im Alltag leiste. Mir egal, ob das traurig ist. Ich stelle mir dabei immer vor, die Waschstraße sei die unterirdische Befestigungsanlage eines Superschurken und ich sei James Bond und mein Auto ein Aston Martin DB9. Träume eines alten weißen Vaters.
„Einmal im Jahr reicht,“ sagt Carla. Man habe zudem das Leitungswasser beim Zähneputzen und Rasieren auszumachen. Keine Ahnung, woher sie weiß, dass ich es immer laufen lasse. Vermutlich, weil ich ein Boomer bin und alle Boomer das machen. Dann gibt sie mir einen Kuss und verlässt die Wohnung mit den Nudeln in einem kleinen Topf. Und ich setze mich an den Rechner und bestelle ein paar Lebensmittelbehälter aus Glas, in denen man Essen transportieren kann.
Ich komme mir blöd vor, denn sie hat einfach Recht. Man kann Witze über ihr unerbittliches Umweltbewusstsein reißen, das schon. Aber leider nur, wenn man mitmacht. Und was wird jetzt aus der Alufolie? Die nehme ich am Ende mit ins Grab.