Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.09.2021

752_Große Bühne für die Kleinen

Demokratie sollte man im Kleinen einüben. Am besten in der Familie. Das führte bei uns vor ungefähr zwölf Jahren dazu, dass Nick die Funktion des Haushaltsvorstandes für sich reklamierte und eine freie und geheime Wahl forderte. Der einzige Gegenkandidat war ich, weil Sara immer schon egal war, wer unter ihr Haushaltsvorstand ist und Carla sich nicht für Politik interessierte.
Nick zog in eine Art Wahlkampf und behauptete, ich würde bei einem Sieg alle Süßigkeiten abschaffen. Außerdem versprach er für den Fall seiner Wahl die Abschaffung des Kinderkanals wegen zu wenig Gewalt und allen Familienmitgliedern Schokolade nach Gusto in unbeschränkter Menge. Ich hielt dagegen, dass ich auch zukünftig für mietfreies Wohnen aller Verwandten einstehen würde, dass ich die Krankenkasse weiterhin bezahlte und darüber hinaus Alle im Sommer in den Urlaub einlüde, sogar meinen politischen Gegner.
Nick verlor. Er erhielt nur eine, nämlich seine eigene Stimme sowie eine gefälschte von unserem Hund, der gar nicht wahlberechtigt war. Anschließend beschwerte er sich, dass er als kleine Partei gar keine Chance gehabt habe. Aber: Er durfte immerhin antreten, genau wie die Kleinstparteien, die sich jetzt um Stimmen bemühen. Das ist Demokratie. Am Ende werden sie es nicht in den Bundestag schaffen und sie rechnen auch nicht damit. Aber sie stellen sich.
Unter den Kleinen gab es bei der letzten Bundestagswahl 2017 recht große, die mehr als einhunderttausend Wähler überzeugen konnten. Die größten Kleinen sind die Freien Wähler, die immerhin auf fast 500 000 Kreuzchen kamen, gefolgt von Die Partei mit nur wenig weniger Stimmen und der ÖDP, die immerhin knapp 150 000 Menschen überzeugen konnte. Das sind so viele, dass man durchaus jemanden kennen kann, der die gewählt hat. Darunter wird das aber dann schon sehr unwahrscheinlich. Und noch unwahrscheinlicher ist, dass man die Bewerber kennt. Am erfolglosesten bewarb sich vor vier Jahren die Partei der Vernunft, die auf 533 Stimmen und 0,001 Prozent kam. Die Partei der Vernunft hatte sich nur gegründet, weil es offenbar einhundert Leser von Focus Money gab, die das für eine gute Idee hielten. Bis dahin war nicht einmal klar, dass Focus Money einhundert Leser hat. Egal.
Ebenfalls erstaunlich erfolglos trat „Die Einheit“ an, eine Partei, die sich für Spätaussiedler sowie für unbegrenztes Angeln in allen Gewässern und gegen Hundekot engagierte. Auch die sozialistische Gleichheitspartei, die Bergpartei und die Magdeburger Gartenpartei konnten nicht reüssieren, was immer auch daran liegt, dass die Programme nicht ausführlich genug sind. Von der Gartenpartei, die 2013 ursprünglich gegründet worden war, um gegen die Bebauungspläne von Kleingartenanlagen zu protestieren, sind Lösungen für die internationale Finanzpolitik kaum zu erwarten. Das Programm ist dann auch nur zwei Seiten lang. Zum Vergleich: Das von der CDU umfasst immerhin 140 Seiten, enthält aber quasi gar keine politischen Visionen für Kleingartenanlagen.
In diesem Jahr treten wieder hoffnungsfrohe Wahlkämpferinnen und -kämpfer an, um die Welt durch ihre Tätigkeit ein bisschen besser zu machen. Die kleinste der Kleinen ist die europäische Partei LIEBE. Sie hat nur 53 Mitglieder und wird von einem Mathematiker geleitet, der postuliert, es handele sich bei seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern um Liebende, die geliebt werden wollten. Das kann man von vielen Deutschen sagen, insofern erscheint LIEBE durchaus mehrheitsfähig.
Auch das fünfzehn Punkte umfassende Programm klingt vielversprechend. LIEBE setzt sich für den Klimaschutz ein, für Frauenrechte, für Gesundheit und gegen Arbeitslosigkeit. Mit gewissen Abstrichen kann man dasselbe für die meisten anderen Parteien sagen. Aber die formulieren das nicht so schön wie die europäische Partei LIEBE. An einer Stelle auf der Website schreibt die LIEBE, wovon sich die etablierten Parteien mit ihren stänkernden Kandidaten und Kandidatinnen etwas abschneiden können. „Liebe ist stärker als das Böse und der Hass.“ Man muss diese Partei nicht wählen, wenn man diese Ansicht teilt. Aber man kann darauf verzichten, sein Kreuz dort zu machen, wo der Hass Programm ist.