Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.09.2021

753_Auf Reise mit Schneise

Die Waschmaschine ist jetzt seit zwei Monaten im Eimer. Ich glaube, ich habe es schon einmal erwähnt. Ich lasse sie aber nicht reparieren, weil ich befürchte, dass der Service-Mann sagt, dass ich eine neue Maschine brauche. Eine Waschmaschine kostet aber ein paar hundert Euro. Wenn ich den Reparaturdienst nicht anrufe, spare ich also viel Geld. Ich habe zwar nun keine frische Wäsche mehr, aber man muss Prioritäten setzen. Außerdem war ich die meiste Zeit gar nicht da und hätte auch mit einer neuen Maschine keine Wäsche gewaschen.
Jetzt bin ich auch wieder weg und unsere Putzfrau hat sich in meiner Abwesenheit aus freien Stücken entschlossen, etwas von dem Wäscheberg abzutragen, der sich angehäuft hat. Ich habe vergessen, Ihr zu erzählen, dass die Maschine kaputt ist. Woher soll ich auch wissen, dass sie auf so nützliche Ideen kommt? Und außerdem heißt es nicht mehr Putzfrau. Man sagt entweder Reinigungskraft oder Raumpflegerin. Letzteres gefällt mir besser. Raumpflegerin klingt nach Astronautin, die im Weltall Reste von zerstörten Satelliten einsammelt. Egal.
Jedenfalls schickte sie mir ein Foto von dem Display unseres zerstörten Satelliten, auf dem steht: „Wasserhahn zu?“ Ich schreibe zurück, dass sie Abpumpen und Schleudern soll, aber das bezieht sie wohl auf sich und schreibt pampig zurück: „Was ich soll?“ Darauf antworte ich ihr, sie möge die Maschine erst auf „abpumpen“, dann auf „Schleudern“ stellen. Ich bin kein Kosovare und ich weiß nicht, was dort auf den Waschmaschinen und Weltraum-Satelliten steht, ich kann es also nicht anders ausdrücken. Sie schreibt zurück, dass sie nie mehr bei mir wäscht und alles so lässt, wie es ist, bis ich zurückkomme. Und wann das sei. Bis dahin bliebe die nasse Wäsche in der Trommel.
Dort liegt sie noch mindestens eine Woche, vielleicht länger. Denn vorher kann ich mich buchstäblich nicht zuhause sehen lassen. Es ist nämlich eine kleine Katastrophe passiert: Ich habe mich rasiert. Nicht freiwillig und nicht voller Freude, sondern aus reiner Not. Ich fuhr beruflich in dieses Berlin und übernachtete im Hotel. Am nächsten Morgen wollte ich meinen Bart trimmen, weil ich den Ehrgeiz habe, dass alle Bestandteile dieses Meisterwerks der Körperbehaarung gleich lang sind. Mein Bart ist mein Tamagotchie. Er muss gegossen, geharkt, gefüttert und geschnitten werden, sonst geht er ein. Und irgendein Flegel, wahrscheinlich mein Sohn, mit Sicherheit mein Sohn, also sagen wir einfach: Mein Sohn hat am Rädchen des Trimmers gedreht und diesen auf Null gestellt. Das übersah ich leider und mähte mir mit vollem Schwung eine fünf Zentimeter breite glatte Schneise in die Fresse. Es sah aus, als hätte ich einen Luftballon rasiert. Das konnte nicht so bleiben, also führte ich den gleichen Strich auf der anderen Wange aus, was die Sache nicht verbesserte. Ich experimentierte und landete bei einem Klobrillenbart. Das war so schlimm, dass ich schließlich entschied, den ganzen Kram komplett abzusäbeln. Weg damit.
Ich habe mich seit drei Jahren nicht mehr glatt rasiert. Als ich damals damit aufhörte und mir einen Bart wachsen ließ, sagten alle, wirklich alle Frauen zu mir, das hätte ich schon viel eher, eigentlich schon Jahrzehnte früher machen sollen. Auch Komplimente können schmerzen. Ich entschloss mich dauerhaft zu einem Leben mit Bart und bis vor ein paar Tagen hat niemand mehr gemeckert. Und jetzt das. Ich sehe aus wie Charlie Brown. Nur mit Brille. Zum Glück gibt es da und dort eine Maskenpflicht. Die Maske kann einen Bart weitgehend ersetzen, allerdings atmet man durch einen Bart besser.
Bei meinem Termin nahm ich die Maske nicht ab, was meine Gesprächspartner nicht kommentierten, aber seltsam fanden. Danach ging es zum Essen. Ich schob die Gabel unter der Maske hindurch, bis mich eine freundliche Dame fragte, ob ich womöglich ein wenig übertriebe mit dem Infektionsschutz. Ich nahm also die Maske ab und werde den Blick der Frau nie vergessen. Er sagte: Ein Bart könnte an diesem Mann ein Wunder vollbringen.
Jedenfalls komme ich erst nach Hause, wenn der Bart wieder dran ist. Solange treibe ich mich auf Bahnhöfen und in Fußgängerzonen herum, wo man Maske tragen muss. Meine Wäsche wird sich bis zu meiner Rückkehr in Holzleim verwandelt haben. Aber das ist es mir wert.