Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.10.2021

754_Essen ohne Corona

Dieses verdammte Virus bestimmt unseren Alltag und es färbt in alle Lebensbereiche ab. Dennoch entschied sich mein Freund Benno dazu, ein Abendessen wie früher zu geben. Er lud mich dazu ein, ebenso wie zehn weitere Personen und er schrieb in seiner Mail, dass es bloß zwei Regeln für den Abend gebe. Die erste besagte, dass alle Gäste geimpft oder genesen sein müssten. Und die zweite bestand darin, dass den ganzen Abend über kein einziges Mal und mit keiner Silbe über Corona, die Folgen von Corona oder irgendwas Anderes gesprochen werden dürfe, was damit zu tun habe. Er wolle davon nichts hören, ihm platze der Sack, wenn er noch einmal über Corona reden müsse.
Das mit dem Sack wollte ich auf keinen Fall erleben – besonders nicht beim Abendessen – und sagte trotzdem zu, weil mir der Gedanke gefiel, mal wieder wie vor der Pandemie zusammenzusitzen. Wobei mir schon klar war, dass es ziemlich schwierig werden würde, das Thema auszuklammern. Wahrscheinlich würde es dafür technischer Hilfsmittel bedürfen. Ich stellte mir vor, wie jeder einen elektrischen Schlag bekam, der das Wort sagte. Oder dass man es wie im Radio überpiepen oder wie in der Zeitung schwärzen müsste.
Aber worüber sollte ich dann reden? In größeren Gesellschaften fühle ich mich ohnehin schon häufig wie ein staubiger Esel, der melancholisch auf dem Bahnsteig von Pamplona rumsteht und nicht weiß, was er da soll. Ich habe einfach nicht viele Themen, Erst Recht nicht in Zeiten von Corona. Mein Leben ist seitdem wahnsinnig langweilig.
Sollte ich die Anwesenden etwa darüber informieren, dass ich einen Brazilian Butt Lift in Erwägung ziehe? Nicht, dass mir mein Po nicht gefiele, aber das Wort ist so hübsch. Und was soll ich sonst mit mir anfangen. Passiert ja nüscht wegen Corona Das einzige echte Highlight meines trüben Daseins ist der Termin für die Reparatur meiner Waschmaschine am nächsten Dienstag um acht Uhr morgens. Wer davon erzählt, kann sich auch gleich selbst erwürgen. Und wenn ich mal was Spektakuläres zu berichten habe, dann stimmt es meistens nicht. Zum Beispiel stand in der Zeitung, dass der letzte Mensch, der 1952 in Cardiff gehängt wurde, ein Sommelier war. Das stimmt aber gar nicht. Ich habe nur wieder zu hastig gelesen. Der letzte Mensch, der 1952 in Cardiff gehängt wurde, war gar nicht Sommelier, sondern Somalier. Ob dieser gleichzeitig auch Sommelier war, weiß ich nicht, aber es wäre ein großer Zufall. Zum Glück fiel mir aber beim Essen dann doch noch ein tolles Thema ein. Das war, als Benno fragte, was uns am Wahlabend am besten gefallen habe. Und da muss ich wirklich sagen, es war nichts anderes als der bizarre Auftritt von Alice Weidel in der Bonner Runde. Wenn ich die sehe, fällt mir immer eine Textzeile von Sven Regener ein, der einmal sang: „Ihr Herz ist kalt wie ein gefrornes Hühnchen.“
Jedenfalls zeigte sich diese Sumpfblume des Parlamentarismus ganz begeistert vom Ergebnis ihrer Partei. Der Moderator hakte nach, weil sie ja doch in Prozenten verloren haben und sie sagte, dass seien Sondereffekte, die dadurch verursacht worden seien, dass einige Menschen die Freien Wähler gewählt hätten. Wenn man das herausrechne, ergebe sich aber ein schöner Erfolg. Das ist ungefähr so, wie wenn der Trainer vom VfL Bochum nach dem Spiel gegen Bayern München sagt: „Ich bin sehr zufrieden. Die sieben Tore der Bayern sind ja lediglich Sondereffekte. Wenn man die rausrechnet, haben wir unentschieden gespielt.
Ich lernte dann eine Dame kennen, die den ganzen Abend über einen Kaugummi kaute, auch während des Essens und wenn sie etwas trank. Ich fand diese Form der Körperbeherrschung aufregend. Und sie vermochte es, tatsächlich nicht über Corona zu sprechen. Ich entschied mich später für einen langen Spaziergang nach Hause. Das Auto ließ ich stehen. Wobei ich eine Alkoholkontrolle durch die Polizei sehr lustig gefunden hätte. Besonders nach der Analyse meines Atem-Alkoholgehaltes.
Sagt der Polizist: Herr Weiler, sie haben 1,2 Promille. Sage ich: „Nee. Habe ich nicht. Das sind nur Sondereffekte, die durch zwei Gin Tonic, zwei Weißwein und einen Averna zustande gekommen sind. Wenn man die aus dem Ergebnis rausrechnet, bin ich stocknüchtern.“