Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.10.2021

755_Zwei reiche Rentner

Es kann sein, dass Armin Laschet bei der Weihnachtsansprache des Bundeskanzlers nicht wie von ihm geplant aus dem Fernseher herausschaut, sondern in ihn hinein. Gut möglich, dass er Ende Dezember zuhause als Rentner auf der Couch sitzt. Das kommt etwas früh, er ist erst sechzig Jahre alt. Aber immer noch später als bei James Bond. Der ist erst 53 und befindet sich zu Beginn des neuen 007-Abenteuers bereits seit mehreren Jahren im Ruhestand.
Was die beiden pensionierten Doppel-Nullen eint, ist ihre fabelhafte Versorgungslage nach dem Berufsende. Armin Laschet kommt nach dreißig Jahren in diversen Parlamenten, als Minister und Ministerpräsident auf eine sehr auskömmliche Pension, die er zumindest teilweise bereits vor dem siebenundsechzigsten Lebensjahr erhält. Seine Bezüge dürften um zehntausend Euro im Monat liegen. Das ist ganz gut, aber offenbar nichts im Vergleich zum Altersruhegeld eines britischen Geheimagenten. Und das kann eigentlich gar nicht sein.
Man akzeptiert ja wollüstig zitternd das Fehlen jeglicher Realitätsnähe bei Bond. Auch im neuen Film: Warum wird er in Italien von einem italienischen Killer mit einem englischen Motorrad verfolgt? Wieso biegt Bond von der sicheren Straße in unwegsames Gebiet ab, wo es für ihn viel gefährlicher ist? Welches Motiv hat der Superschurke noch gleich? Wie schaffen es diese Bösewichte, jedes Mal unbemerkt supergeheime High-Tech-Schaltzentralen (mit Sicherheit ohne Baugenehmigung) zu erschaffen? Wie kann es sein, dass sie hunderte von uniformierten Mitarbeitern in Festanstellung beschäftigen, deren berufliche Tätigkeit im hochkriminellen Milieu nie beim Finanzamt, der Krankenversicherung oder der eigenen Verwandtschaft auffällt? Und woher kommt immer das ganze Geld?
Das fragt man sich diesmal ganz besonders bei Bond, denn der ist ja eigentlich ein kleiner Regierungsangestellter. Zu Beginn der Handlung jagt er jedoch als Rentner Fische mit einer Riffe-Euro-Harpune aus Teakholz mit magnetischer Führungsrille für 500 Euro. Er wohnt in einem geräumigen Strandhaus und besitzt neben einer geschmackssicheren Möblierung gleich zwei Aston Martins. Einen V8 Vantage, der auf dem Gebrauchtwagenmarkt für circa 300 000 Euro zu haben ist. Und einen alten DB5, der für mindestens 900 000 Euro angeboten wird.
Wenn er aus dem Haus geht, bevorzugt der Agent außer Dienst flammneue Dreitausend-Euro-Anzüge von Tom Ford oder er trägt einen Pullover von N.Peal für 420 Euro. Das günstigste, was Bond in diesem neuen Film in der Hand hat, ist eine Pulle Heineken für einen Euro und zwanzig. Diese Anschaffung dürfte die einzige Konsum-Überschneidung zwischen ihm und den Kinobesuchern darstellen. Letztere müssen allerdings im Gegensatz zu Bond für ihr Bier anstehen. Bond hingegen muss niemals auf etwas warten.
Das privilegierte Leben des Agenten steht im krassen Missverhältnis zur Realität, in der Geheimdienstmitarbeiter nicht nur unglamourös bezahlt werden, sondern auch Economy fliegen. Jedenfalls gilt das für Angehörige des Bundesnachrichtendienstes. Sie verdienen anders als James Bond durchschnittlich fünfeinhalb Tausend Euro und müssen sich am Flughafen Kairo eine Quittung für die NicNacs geben lassen, die sie beim Warten an der Gepäckausgabe knabbern. Bonds Koffer sind wahrscheinlich schon vor ihm im Hotel. Eine Gemeinheit ist das, zumal ein BND-Beamter dieselben edlen Aufgaben zu verrichten hat wie ein MI5-Agent. Doch bevor ein Spion aus Pullach seinen Gegenspieler in einer Opernloge erdrosseln kann, muss er sich einen Smoking vom Kostümverleih besorgen. Bond hingegen bekommt sein Outfit von einer schönen Kollegin in einem Weinkeller überreicht. Die Agentin Paloma trägt dabei übrigens ein Seidenkleid von Michael Lo Sordo für 1200 Euro. Es ist daher auszuschließen, dass sie beim deutschen Geheimdienst arbeitet.
Die Besoldung deutscher Politiker nimmt sich im Vergleich zu jener von klandestinen Strafverfolgern wie gesagt nicht märchenhaft, aber durchaus akzeptabel aus. Es ist damit zu rechnen, dass die Doppelnull Armin Laschet im Ruhestand anständig gekleidet sein wird. Zum Beispiel mit dem Feincordmantel aus dem neuen Bond. Es handelt sich um ein rentnergeeignetes Modell von Massimo Alba, erhältlich für 840 Euro.